NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 5: Die Ersten Berge
Die Stille nach dem Sturm war keine Erlösung. Sie war eine Drohung.
Als Elias den schützenden Felsvorsprung verließ und den ersten Schritt auf die Rampe setzte, die in die Wand führte, spürte er nicht den Wind, der an seiner Kleidung riss. Er spürte den Druck. Es war, als wäre der Himmel selbst schwerer geworden, eine massive Decke aus unsichtbarem Blei, die sich auf seine Schultern legte und versuchte, ihn in die Knie zu zwingen.
Er blickte nach oben.
Der Himmel über den Silberkammbergen war nicht mehr grau. Er war schwarz.
Es war heller Tag, die Sonne musste irgendwo hinter den Gipfeln stehen, aber hier, in dieser Höhe, gab es kein Blau mehr. Die Atmosphäre war zu dünn, um das Licht zu streuen. Die Sonne war nur ein gleißender, weißer Stern in einem Meer aus Tinte, umgeben von anderen Sternen, die kalt und teilnahmslos auf sie herabsahen.
„Nicht nach oben schauen“, krächzte Marcus hinter ihm. „Das stört den Gleichgewichtssinn. Der Horizont fehlt.“
Elias senkte den Blick. Er sah auf seine Stiefel. Auf den schwarzen Fels. Das war besser. Ein Schritt nach dem anderen.
Der Weg war hier keine Treppe mehr und auch kein Sims. Es war eine Narbe im Berg. Ein fast vertikaler Kamin, gefüllt mit losem Geröll und Eisplatten, die aussahen wie zerbrochene Zähne.
„Anseilen“, befahl Elias. Seine Stimme klang dünn in seinen eigenen Ohren. Die Luft trug den Schall nicht gut. Sie war trocken, staubig und schmeckte metallisch.
Sie formierten sich. Elias an der Spitze. Dann Clara, die Tarek sicherte. Dann Marcus. Und am Ende Lyra und Kael.
„Bereit?“, fragte Elias.
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er griff nach dem ersten Felsblock. Der Schwarze Handschuh fand Halt, wo menschliche Finger abgerutscht wären. Er zog sich hoch.
Der Aufstieg begann.
Es war kein Klettern. Es war ein Ringen. Jeder Meter musste dem Berg abgetrotzt werden. Die Steine waren lose, rutschten unter ihren Füßen weg und polterten lautlos in den Abgrund, der gierig unter ihnen gähnte.
Elias atmete rhythmisch. Ein. Aus. Aber es reichte nicht. Seine Lungen pumpten, aber sie füllten sich nur mit Leere. Sein Herz schlug wild gegen seine Rippen, bumm-bumm-bumm, ein panisches Trommeln, das in seinen Ohren widerhallte.
Er spürte den Geschmack von Blut im Mund. Seine Lippen waren aufgeplatzt. Seine Nase blutete leicht, ein stetiges Tropfen, das rote Punkte auf dem schwarzen Eis hinterließ.
Nach fünfzig Metern blieb Tarek hängen.
Der Söldner rutschte ab, sein krankes Bein fand keinen Halt. Er knallte mit der Brust gegen den Fels. Das Seil spannte sich, riss Clara fast von den Füßen.
„Ich hab dich!“, keuchte sie. Sie stemmte ihre Stiefel in eine Spalte, lehnte sich zurück.
Tarek hing im Seil. Er fluchte nicht. Er wimmerte auch nicht. Er hing einfach da, wie ein totes Gewicht.
„Tarek!“, rief Clara. „Beweg dich!“
„Keine... Luft“, presste Tarek hervor. Sein Gesicht war violett angelaufen.
Elias sah nach unten. Er sah die Panik in Tareks Augen. Es war nicht die Angst vor dem Fall. Es war die Angst vor dem Ersticken.
„Marcus!“, rief Elias. „Die Runen!“
Marcus, der über Tarek kauerte, reagierte träge. Sein Gehirn litt unter dem Sauerstoffmangel. Er blinzelte, als würde er Elias nicht verstehen.
„Sauerstoff!“, brüllte Elias. „Gib ihm Luft!“
Der Befehl drang durch den Nebel in Marcus’ Kopf. Er griff fahrig in seine Tasche. Er holte einen kleinen, flachen Stein hervor, in den eine Rune geritzt war – die Rune für Atem.
Er lehnte sich hinab, fast zu weit. Er drückte den Stein gegen Tareks Brust.
„Aktiviere“, flüsterte Marcus.
Ein schwaches, weißes Leuchten ging von dem Stein aus. Eine Blase aus komprimierter Luft bildete sich um Tareks Kopf.
Tarek sog die Luft ein. Ein gieriger, tiefer Zug. Seine Farbe kehrte zurück. Er hustete, spuckte Blut.
„Weiter“, sagte er sofort. „Zieh mich nicht hoch, Mädchen. Ich klettere.“
Er griff nach dem Fels. Seine Finger bluteten, aber er kletterte.
Elias drehte sich wieder zur Wand. Er wischte sich das Blut von der Oberlippe.
Das war erst der Anfang.
Sie kletterten weiter. Die Zeit verlor ihre Bedeutung. Es gab nur noch Stein, Eis, Atemnot. Stein, Eis, Atemnot.
Die Kälte war hier oben anders. Sie war nicht aggressiv wie im Sturm. Sie war absolut. Sie war die Abwesenheit von allem Leben. Elias spürte, wie seine Bewegungen langsamer wurden. Seine Gelenke versteiften. Das Amulett an seiner Brust wurde schwerer.
Und dann begann es.
Das Pochen.
Es kam nicht von ihm. Es kam vom Berg.
WUMM. WUMM. WUMM.
Es war ein tiefer Bass, der durch den Stein vibrierte, durch seine Hände, durch seine Knochen.
Elias hielt inne. Er drückte sein Ohr an den Fels.
Es war ein Herzschlag.
Langsam. Gewaltig. Uralt.
„Hört ihr das?“, fragte er.
„Ich höre nur mein eigenes Blut“, keuchte Clara.
„Nein“, sagte Kael von ganz unten. Seine Stimme war klarer als die der anderen. „Der Berg... er ist wach. Er weiß, dass wir hier sind.“
Elias blickte auf das Amulett.
Es reagierte.
Der Riss im Kristall pulsierte im Takt mit dem Berg.
WUMM (Berg) – Licht (Amulett). WUMM (Berg) – Licht (Amulett).
Sie waren synchronisiert.
„Er ruft uns nicht“, sagte Elias leise. „Er wartet auf uns. Wie ein Spinne im Netz.“
Er griff nach dem nächsten Griff.
„Nicht stehenbleiben“, sagte er. „Wenn wir aufhören, werden wir Teil des Steins.“
Er kletterte weiter. Hinein in das schwarze Licht des Tages, dem Herzschlag entgegen, der lauter wurde mit jedem Meter.
Der Berg kannte keine Gnade, und er kannte keine Variation. Er kannte nur die Vertikale.
Seit Stunden – oder waren es Tage? – kletterten sie durch eine Welt, die auf Schwarz und Weiß reduziert war. Der schwarze Basalt, scharfkantig und unnachgiebig wie Eisen, schnitt in ihre Hände. Das weiße Eis, das in den Spalten wucherte wie ein kristalliner Pilz, brannte sich durch ihre Kleidung in die Haut.
Es gab kein oben und kein unten mehr. Es gab nur den nächsten Griff. Den nächsten Tritt. Das nächste Keuchen.
Kael hing am Ende des Seils. Er kletterte nicht mehr wirklich. Er wurde gezogen. Lyra, die direkt über ihm war, hatte das Seil um ihre Hüfte geschlungen und nutzte ihr eigenes Körpergewicht als Gegenzug, um ihn Meter für Meter nach oben zu hieven.
Er fühlte sich leicht an. Zu leicht.
Lyra wagte nicht, nach unten zu sehen. Nicht wegen des Abgrunds – der war längst in einem Meer aus grauem Dunst verschwunden –, sondern wegen Kael. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, schien er weniger da zu sein. Seine Haut war nicht mehr nur blass; sie hatte jenen durchscheinenden Schimmer von Quallen, die man am Strand findet. Seine Augen, einst so tiefblau wie der Ozean bei Nacht, waren jetzt hell, wässrig, fast farblos.
„Halt durch“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. Ihre Stimme war rau, ihre Kehle trocken wie Schmirgelpapier. „Nur noch ein Stück.“
Der Fels über ihnen veränderte sich. Er wölbte sich nach außen.
Elias, der an der Spitze kletterte, blieb stehen. Er hing unter einem massiven Überhang aus Gletschereis, der wie ein gefrorener Wasserfall aus der Wand brach und ihnen den Weg versperrte. Es war eine Wulst aus blauem, glattem Eis, die zehn Meter weit in den leeren Raum ragte.
Klettern war hier unmöglich. Es gab keine Griffe. Selbst der Schwarze Handschuh fand auf der spiegelglatten Oberfläche keinen Halt, ohne abzurutschen. Und die Neigung war negativ – wer hier losließ, fiel nicht gegen die Wand, sondern direkt in das Nichts.
„Sackgasse?“, rief Clara von unten. Sie presste sich an den Fels, um Tarek zu entlasten, der schwer an ihrer Sicherung hing.
„Nein“, sagte Elias. Er hämmerte mit der Faust gegen das Eis. Es klang massiv, tonnenschwer. „Das ist der Gletscher des Schweigens. Marcus hat ihn auf den Karten erwähnt. Er umschließt den Gipfel wie ein Ring.“
„Und wie kommen wir durch?“, fragte Tarek. „Ich habe keine Flügel, Junge.“
Elias blickte nach unten, an der Kette der Gefährten vorbei, bis zu Kael.
„Wir brauchen Wasser“, sagte er.
Kael hob den Kopf. Die Bewegung war langsam, fließend, als würde er sich unter Wasser bewegen und nicht in der dünnen Luft der Todeszone. Er sah das Eis über sich. Und zum ersten Mal seit dem Aufbruch aus der Ruinenstadt zeigte sein Gesicht eine Regung.
Ein Lächeln.
Es war kein fröhliches Lächeln. Es war das Lächeln eines Mannes, der einen alten Freund trifft, den er lange vermisst hat.
„Es singt“, flüsterte Kael.
„Kael“, rief Elias. „Kannst du es formen? Kannst du uns einen Kamin schmelzen?“
Kael schüttelte den Kopf. „Schmelzen ist Gewalt. Feuer ist Gewalt. Das Eis... es will nicht verbrannt werden. Es will... fließen.“
Er löste sich aus der Sicherung.
„Bist du wahnsinnig?!“, schrie Lyra auf. Sie griff nach ihm, aber ihre Hand glitt von seinem Arm ab. Sein Ärmel war nass. Kaltes, salziges Wasser.
Kael ignorierte sie. Er begann zu klettern. Ohne Seil. Ohne Sicherung.
Er bewegte sich anders als die anderen. Er suchte keine Griffe. Er legte seine Hände flach auf den schwarzen Fels, und dort, wo er ihn berührte, bildete sich eine dünne Schicht Reif, die ihn hielt. Er glitt die Wand hinauf, entgegen der Schwerkraft, getrieben von einer Sehnsucht, die stärker war als die Physik.
Er erreichte den Überhang. Er schwebte fast unter dem massiven Eisblock, gehalten nur von seinen Fingerspitzen.
Er legte beide Hände an das blaue Eis. Er drückte nicht. Er lehnte sich an, wie ein Liebhaber.
„Ozean“, flüsterte er. Es war kein Wort in der Gemeinsprache. Es war der Klang von Wellen, die an Klippen brechen.
Das Eis antwortete.
Ein tiefes Knacken ging durch den Gletscher. Risse bildeten sich, aber sie waren nicht chaotisch. Sie waren geometrisch, spiralförmig. Das Eis begann sich zu drehen. Es wurde weich. Es wurde zu einer zähflüssigen Masse, die sich unter Kaels Händen verformte.
Ein Tunnel öffnete sich.
Er wurde nicht gebohrt. Das Eis wich einfach zur Seite, bildete eine Röhre, die senkrecht nach oben durch den Überhang führte. Die Wände des Tunnels waren nicht glatt; sie waren gerippt wie das Innere einer Muschel.
„Kommt“, sagte Kael. Seine Stimme hallte seltsam, als käme sie aus einem Brunnen.
Er verschwand in dem Tunnel.
Elias zögerte keine Sekunde. Er zog sich hoch, hinein in das blaue Licht. Die anderen folgten.
Im Inneren des Tunnels herrschte eine andere Welt.
Der Wind war weg. Die Kälte war weg. Oder besser gesagt: Sie war anders. Es war keine tote Kälte mehr. Es war eine feuchte, lebendige Kühle. Es roch intensiv nach Salz und Algen.
Marcus, der als Letzter in den Tunnel kroch, fuhr mit der Hand über die Wand. Er leckte an seinem Finger.
„Salz“, sagte er fassungslos. „Das ist Meereis. Hier oben. Tausend Kilometer von der Küste entfernt. Das ist geologisch unmöglich.“
„Es ist Erinnerung“, sagte Elias. Er kletterte weiter nach oben. Die Spiralform des Tunnels machte den Aufstieg leicht, fast wie eine Wendeltreppe.
Sie fanden Kael am oberen Ende des Tunnels.
Er saß am Rand des Ausgangs, dort wo der Gletscher in das Gipfelplateau überging. Er saß im Schneidersitz, den Blick in die Ferne gerichtet.
Aber er sah verändert aus.
Lyra kletterte als Erste aus dem Loch. Sie kroch zu ihm.
„Kael?“, fragte sie zitternd.
Er drehte sich um.
Seine linke Hand... sie war weg.
Dort, wo seine Finger hätten sein sollen, war nur noch Wasser. Klares, fließendes Wasser, das die Form einer Hand hielt, aber ständig in Bewegung war. Tropfen fielen von seinen Fingerspitzen, aber sie fielen nicht zu Boden. Sie schwebten zurück in seinen Arm, wurden wieder eins mit ihm.
„Was passiert mit dir?“, wimmerte Lyra. Sie wollte seine Hand nehmen, aber sie hatte Angst, einfach hindurchzugreifen.
„Ich erinnere mich“, sagte Kael. Seine Stimme klang gurgelnd, weich. „Der Berg hat mir gezeigt, was ich bin. Ich bin nicht fest, Lyra. Ich war nie fest.“
Er hob den Wasserstumpf.
„Das Eis hat mir Energie gegeben, den Tunnel zu bauen. Aber es hat im Gegenzug Struktur genommen. Ein Tausch.“
„Du löst dich auf“, sagte Clara hart. Sie stand hinter Lyra, das Schwert gezogen, als könnte man diesen Feind erstechen. „Du stirbst.“
„Nein“, sagte Kael sanft. „Sterben ist, wenn das Wasser austrocknet. Ich trockne nicht aus. Ich werde... mehr.“
Elias trat heran. Das Amulett an seiner Brust pulsierte wild. Die Träne des Ozeans – das blaue Fragment – vibrierte in Resonanz mit Kael. Es wollte zu ihm. Es erkannte ihn als seinesgleichen.
„Wie lange noch?“, fragte Elias.
Kael sah ihn an. Seine Augen waren jetzt vollkommen blau, ohne Weiß, ohne Pupille.
„Bis zum Gipfel“, sagte Kael. „Ich kann euch bis zum Tor bringen. Aber nicht weiter. Das Meer ruft, Elias. Es ist so laut hier oben.“
Lyra schluchzte auf. Sie warf sich auf ihn, umschlang seinen Hals. Es war ihr egal, dass er nass war, dass er kalt war.
„Du darfst nicht gehen“, weinte sie. „Wir haben Pläne gemacht. Wir wollten nach Süden. Zu den Inseln.“
Kael legte seinen rechten Arm – den, der noch aus Fleisch war – um sie. Er drückte sie an sich.
„Wir sind auf einer Insel“, sagte er. „Eine Insel aus Stein im Meer der Wolken.“
Er küsste ihr Haar.
„Ich brauche deine Wärme, Lyra. Noch einmal. Damit ich fest bleibe. Nur noch ein bisschen länger.“
Lyra nickte an seiner Schulter. Sie rief das Feuer. Nicht das zerstörerische Reinigende Feuer, das sie im Albtraum gesehen hatte. Sie rief die sanfte Glut, die sie gelernt hatte zu kontrollieren.
Sie ließ ihre Wärme in ihn fließen.
Es war ein grotesker Kreislauf. Lyra, die brannte, um Kael, der schmolz, zusammenzuhalten. Feuer und Wasser, in einer unmöglichen Umarmung vereint, nur durch den Willen der Liebe.
Elias wandte sich ab. Er konnte es nicht ansehen. Es erinnerte ihn zu sehr an das, was er selbst verloren hatte – oder nie gehabt hatte.
Er blickte nach vorne.
Sie standen auf einem neuen Plateau. Es war schmaler als das vorige, zerklüfteter.
Und am Ende dieses Plateaus, halb verhüllt von schwarzen Wolken, die so tief hingen, dass sie den Boden berührten, begann die Brücke.
Der Finale Pfad.
Es war keine Brücke aus Stein. Es war ein natürlicher Bogen aus Fels, kaum einen Meter breit, der sich über einen Abgrund spannte, dessen Boden nicht zu sehen war. Er führte direkt zu dem massiven Tor der Festung Nox Aeterna.
Aber auf der Brücke stand etwas.
Es war keine Statue. Und es war kein Schatten.
Es war eine Gestalt in einer Rüstung, die das Licht schluckte. Sie stand reglos in der Mitte des Bogens, ein Zweihänder in der Hand, dessen Spitze auf dem Fels ruhte.
„Ein Wächter?“, fragte Tarek, der sich mühsam aufgerappelt hatte.
„Nein“, sagte Elias. Er spürte die Kälte, die von der Gestalt ausging. Eine Kälte, die nichts mit Eis zu tun hatte. Eine Kälte, die man im Herzen fühlt, wenn man nachts aufwacht und weiß, dass man beobachtet wird.
„Das ist kein Wächter“, sagte Elias. Er zog den Schwarzen Handschuh fest.
„Das ist die Angst selbst.“
Die Gestalt auf der Brücke hob den Kopf. Unter dem Helm war kein Gesicht. Nur zwei violette Flammen, die in der Dunkelheit brannten.
Phobos.
Er hatte aufgehört zu spielen.
Der schmale Felsbogen, den Elias den „Finalen Pfad“ genannt hatte, spannte sich wie ein gefrorener Knochen über den Abgrund. Er war alt, verwittert und an den Rändern ausgefranst, als hätte der Berg selbst versucht, diese Verbindung abzuschütteln.
Und in der Mitte stand Er.
Die Gestalt, die den Weg blockierte, war massiv. Sie trug keine Rüstung aus Metall, sondern aus verdichteter Dunkelheit, die das schwache Sternenlicht schluckte, statt es zu reflektieren. Sie hatte keine Waffe gezogen. Der Zweihänder, dessen Spitze auf dem Stein ruhte, war Teil von ihr – eine Verlängerung ihres Willens, geschmiedet aus derselben Nacht wie ihr Körper.
Tarek humpelte an Elias’ Seite. Er zog sein Krummschwert, aber seine Hand zitterte. Nicht vor Angst, sondern vor Kälte. Das Metall klirrte leise gegen seine Beinschiene.
„Er blutet nicht“, sagte Tarek leise. „Ich kann ihn nicht schneiden.“
„Nein“, sagte Elias. Er stand regungslos da, den Schwarzen Handschuh zur Faust geballt. „Er ist nicht hier, um zu kämpfen. Er ist hier, um uns zu messen.“
Phobos rührte sich nicht. Aber seine Präsenz brandete gegen sie an wie eine Flutwelle. Es war keine Hitze, kein Druck. Es war eine Schwere.
Elias spürte, wie seine Knie weich wurden. Ein plötzlicher, irrationaler Wunsch überkam ihn, sich einfach in den Schnee zu legen. Warum weitergehen?, flüsterte eine Stimme in seinem Hinterkopf – nicht die spöttische Stimme von Phobos, sondern seine eigene, verstärkt durch die Aura des Wächters. Der Weg ist so weit. Die Brücke ist so schmal. Ein Fehltritt, und es ist vorbei. Es wäre so friedlich.
Hinter ihm keuchte Clara auf. Sie sackte gegen die Felswand. Ihr Schwert, das Erbe von Arendelle, glitt ihr aus den Fingern und fiel klirrend zu Boden. Das blaue Leuchten der Klinge flackerte, wurde dunkel.
„Ich kann nicht...“, wimmerte sie. „Mein Vater... er war stark. Ich bin nur... müde.“
„Das tut er“, sagte Elias. Er zwang sich, stehenzubleiben. Er zwang seinen Kopf hoch. „Er kämpft nicht mit Stahl. Er kämpft mit Erschöpfung. Er macht unsere Müdigkeit zur Waffe.“
Er blickte zu Kael und Lyra.
Kael hatte die Augen geschlossen. Sein Körper, der nun zur Hälfte aus fließendem, unruhigem Wasser bestand, verlor die Form. Er tropfte. Pfützen bildeten sich unter ihm, die sofort gefroren. Lyra hielt ihn fest, ihre Hände glühten verzweifelt grün, aber gegen diese allumfassende Lethargie kam ihr Feuer kaum an.
„Wir müssen über die Brücke“, sagte Elias. „Jetzt. Bevor wir einschlafen.“
„Er steht im Weg“, sagte Marcus, der am Boden kauerte und seine Knie umklammert hielt. „Die Wahrscheinlichkeit, an ihm vorbeizukommen, ohne in den Abgrund gestoßen zu werden, ist null.“
„Wir gehen nicht an ihm vorbei“, sagte Elias. „Wir gehen durch ihn hindurch.“
Er trat vor.
Er wusste, dass es Wahnsinn war. Er wusste, dass sein Körper am Ende war. Aber er hatte etwas, das Phobos nicht hatte.
Er hatte das Leere Gefäß.
Das Amulett an seiner Brust war bisher ein Fluch gewesen. Ein Parasit. Aber jetzt, in der Nähe des Gipfels, resonierte es mit einer Macht, die Elias bisher nur erahnt hatte. Es pulsierte im Takt mit dem Berg.
WUMM. WUMM.
Elias griff nach dem Amulett. Er riss es nicht von der Haut. Er drückte es in sein Fleisch.
„Platz da“, knurrte er.
Er rief nicht das Licht. Er rief nicht das Feuer. Er rief die Leere.
Er öffnete das Ventil des Amuletts vollständig – aber diesmal nicht nach außen, um Energie abzugeben, sondern nach innen, um zu saugen.
Ein Vakuum entstand.
Die Luft um Elias herum begann zu flirren. Der Schnee zu seinen Füßen wurde angesaugt, wirbelte in kleinen Spiralen auf ihn zu.
Phobos hob den Kopf. Die violetten Flammen unter seinem Helm flackerten.
Elias ging auf die Brücke.
Mit jedem Schritt saugte er die Atmosphäre auf. Er saugte die Kälte. Er saugte die Schwere. Er saugte die Angst, die Phobos ausstrahlte.
Es war, als würde man Gift trinken.
Elias’ Adern färbten sich schwarz. Schmerz schoss durch seinen Körper, als die negative Energie des Wächters in ihn eindrang. Er fühlte sich, als würde er von innen verrotten.
Aber er ging weiter.
Der Wächter auf der Brücke wich nicht zurück. Er hob sein Schwert. Langsam. Fast lazarett.
„Komm“, grollte die Stimme, die wie brechendes Eis klang. „Komm und werde Teil der Sammlung.“
Elias blieb fünf Meter vor ihm stehen.
„Ich bin keine Statue“, sagte Elias.
Er streckte den Schwarzen Handschuh aus.
„Ich bin der Hunger.“
Er entfesselte das Vakuum.
Es war kein Strahl. Es war ein Sog. Ein Loch in der Welt riss auf, direkt vor Elias’ Hand.
Der Wächter brüllte. Es war ein Laut der Überraschung. Die Dunkelheit, aus der sein Körper bestand, wurde langgezogen. Sie wurde in den Handschuh gesaugt wie Rauch in einen Abzug.
Die Rüstung des Wächters begann zu zerfasern. Der Helm löste sich auf. Das Schwert wurde zu Nebel.
Phobos kämpfte dagegen an. Er stemmte sich gegen den Sog, rammte seine Füße in den Stein. Die Brücke erzitterte. Risse bildeten sich im Fels.
„Elias!“, schrie Clara. „Die Brücke bricht!“
„Lauf!“, brüllte Elias über seine Schulter, ohne den Blick von Phobos zu wenden. „Lauft an mir vorbei! Jetzt!“
Clara zögerte eine Sekunde. Dann packte sie Tarek.
„Los!“, schrie sie.
Sie rannten. Sie rannten auf den schmalen Steg, vorbei an Elias, der wie ein Anker im Sturm stand, den Arm ausgestreckt, den Körper vibrierend vor Anstrengung.
Sie rannten auf den Wächter zu.
Aber da war kein Wächter mehr. Da war nur noch ein Wirbelsturm aus Schatten, der in Elias’ Hand verschwand.
Clara und Tarek sprangen durch den Nebel hindurch. Sie spürten die Kälte, die wie Klauen nach ihnen griff, aber sie wurden nicht festgehalten. Sie landeten auf der anderen Seite.
„Marcus! Lyra!“, rief Elias. Seine Stimme klang gepresst, als würde eine riesige Faust seine Lunge zusammendrücken.
Marcus stolperte los. Er zog Lyra und Kael mit sich. Kael war kaum noch bei Bewusstsein, seine Beine waren fast flüssig, er hinterließ eine nasse Spur auf dem Fels.
Sie passierten Elias.
Elias sah Lyras Gesicht. Es war voller Angst um ihn.
„Geh!“, keuchte er.
Sie schafften es. Sie erreichten das Ende der Brücke.
Elias stand allein.
Phobos war fast verschwunden. Nur noch ein Kern aus violetter Energie wehrte sich gegen das Vakuum.
„Du kannst mich nicht essen, Träger“, flüsterte die Stimme in Elias’ Kopf. „Ich bin unendlich. Ich bin der Berg.“
„Dann nehme ich mir einen Bissen“, knurrte Elias.
Er schloss die Faust.
Das Vakuum kollabierte.
Ein Knall, laut wie ein Donnerschlag, erschütterte die Schlucht. Die letzten Reste des Schattens wurden in das Amulett gerissen.
Elias wurde nach hinten geworfen.
Er fiel.
Aber er fiel nicht in den Abgrund. Er fiel auf den Stein der Brücke. Hart.
Sein Kopf schlug auf. Sterne explodierten vor seinen Augen.
Die Brücke unter ihm ächzte. Ein tiefes Grollen kam aus dem Fels.
„Elias!“, hörte er Claras Stimme.
Er blinzelte. Die Welt drehte sich.
Vor ihm, dort wo Phobos gestanden hatte, war nichts mehr. Der Weg war frei.
Aber hinter ihm, dort wo er hergekommen war, bröckelte der Stein. Ein großes Stück der Brücke brach ab und stürzte lautlos in die Tiefe.
Der Rückweg war abgeschnitten. Endgültig.
Elias versuchte aufzustehen. Seine Arme zitterten so stark, dass sie ihn nicht hielten. Ihm war übel. Die Energie, die er aufgenommen hatte – die reine Angst – wütete in seinem Magen wie Säure.
Er kroch.
Er zog sich auf den Ellbogen vorwärts, über den kalten, rauen Stein. Jeder Zentimeter war ein Kampf.
Hände griffen nach ihm.
Clara. Tarek.
Sie zogen ihn über die Kante, auf festen Boden. Weg von dem Abgrund.
Elias drehte sich auf den Rücken. Er starrte in den schwarzen Himmel.
Er lebte.
Aber er fühlte sich nicht lebendig. Er fühlte sich... vergiftet.
„Er ist weg“, sagte Tarek. Er stand über Elias, stützte sich auf sein Schwert. „Du hast ihn... eingesaugt?“
„Nicht ihn“, flüsterte Elias. „Nur einen Schatten. Einen Diener.“
Er griff nach dem Amulett. Es war heiß. Zu heiß. Es glühte in einem kranken Violett, bevor es langsam wieder in das gewohnte Grau verblasste. Der Riss... Elias fuhr mit dem Daumen darüber. Er war tiefer geworden. Er konnte die scharfe Kante spüren.
„Wir müssen lagern“, sagte Marcus. Seine Stimme war zittrig. „Physiologische Grenzen sind überschritten. Kael... Kael braucht Ruhe. Und du auch, Elias.“
„Hier können wir nicht bleiben“, sagte Clara. Sie blickte auf die abgebrochene Brücke zurück. „Es ist zu offen.“
„Da vorne“, sagte Lyra. Sie deutete in die Dunkelheit.
Hinter der Brücke weitete sich der Pfad zu einem kleinen Kessel. Er war windgeschützt durch drei hohe Felsnadeln, die wie Wächter im Kreis standen. In der Mitte lag Schnee – tief und unberührt.
„Ein Lager“, sagte Elias. Er versuchte sich aufzurichten, aber die Welt kippte zur Seite. Clara stützte ihn.
„Ganz ruhig, Held“, sagte sie sanft. „Wir tragen dich.“
Sie schleppten sich in den Kessel.
Es war kein gemütlicher Ort. Der Boden war gefroren, die Felsen strahlten Kälte ab. Aber der mörderische Wind, der auf der Brücke getobt hatte, war hier nur ein leises Säuseln.
Sie ließen sich in den Schnee fallen.
Niemand sprach. Niemand hatte die Kraft für Worte.
Lyra kümmerte sich um Kael. Sie legte ihn auf ihren Mantel, rollte ihn zusammen. Sein Körper war instabil, wechselte zwischen Fleisch und Wasser.
„Schlaf“, flüsterte sie ihm zu. „Träum vom Meer.“
Tarek und Clara saßen Rücken an Rücken, die Schwerter griffbereit, obwohl sie wussten, dass sie zu schwach waren, um sie zu heben.
Elias lag abseits.
Er schloss die Augen.
Die Dunkelheit kam sofort. Aber es war nicht der Schlaf der Erschöpfung. Es war ein Sog.
Das Amulett zog ihn nach innen.
Die Energie, die er von Phobos aufgenommen hatte, musste verarbeitet werden. Sie war ein Schlüssel. Oder ein Tor.
Er spürte, wie sein Bewusstsein den Körper verließ. Er hörte noch das Atmen seiner Freunde, das Knirschen des Schnees. Dann wurde alles still.
Das Violett verblasste. Ein anderes Licht erschien.
Ein warmes, goldenes Licht.
Es roch nach Holzfeuer. Nach Suppe. Nach Zuhause.
Elias fiel nicht mehr. Er schwebte.
Und dann hörte er eine Stimme.
„Du hast lange gebraucht, mein Sohn.“
Elias öffnete die Augen. Er war nicht mehr auf dem Berg.
Die Zeit im Kessel war keine Konstante mehr. Sie war ein zäher, gefrorener Brei, der sich nicht in Stunden oder Minuten messen ließ, sondern in Atemzügen und Herzschlägen.
Clara hockte im Schnee, den Rücken gegen einen schwarzen Felsblock gepresst, der die schlimmsten Böen des Windes abhielt. Auf ihrem Schoß lag Elias’ Kopf.
Er war schwer. Sein Gesicht war so bleich wie das Eis unter ihnen, die Lippen blau, die Augenlider geschlossen und unruhig zuckend, als würde er unter ihnen eine Schlacht schlagen, die Clara nicht sehen konnte. Das Einzige, was ihn von einer Leiche unterschied, war die Wärme, die von seiner Brust ausging.
Das Leere Gefäß glühte nicht mehr violett. Es pulsierte in einem sanften, rhythmischen Goldton – eine Farbe, die Clara an diesem verfluchten Ort noch nie gesehen hatte. Es war, als würde ein winziges Herdfeuer unter seiner Haut brennen.
„Er ist weg“, murmelte Marcus. Er saß gegenüber, die Knie an die Brust gezogen, und starrte auf das Amulett. „Sein Körper ist hier. Stoffwechsel, Kreislauf... alles im minimalen Bereich. Hibernation. Aber sein Bewusstsein... die synaptische Aktivität ist komplett entkoppelt.“
„Rede normal, Marcus“, sagte Tarek. Der Söldner lag langgestreckt neben ihnen, eingewickelt in Decken, die steif gefroren waren. Seine Stimme war nur ein Rasseln. „Sag einfach, dass er träumt.“
„Er träumt nicht“, sagte Marcus leise. „Er ist woanders.“
Der Wind heulte über den Rand des Kessels, ein hungriges, frustriertes Geräusch. Er wollte herein. Er wollte die Wärme stehlen, die das Amulett ausstrahlte.
Clara zog ihren Handschuh aus. Sie legte ihre Hand auf Elias’ Stirn. Er war eiskalt, bis auf die Stelle über dem Herzen.
„Komm zurück“, flüsterte sie. „Du hast gesagt, wir gehen zusammen.“
Sie blickte sich um.
Ihr kleines Lager war ein Bild des Elends. Sie waren am Ende der Welt, gestrandet auf einem Felsvorsprung, tausende Meter über allem, was Leben bedeutete.
In der Ecke des Kessels, dort wo der Felsüberhang den meisten Schutz bot, saß Lyra. Sie hielt Kael.
Der Anblick war herzzerreißend.
Kael hatte aufgehört, eine feste Form zu haben. Er war jetzt fast vollständig flüssig. Sein Körper war eine Silhouette aus Wasser, die nur durch Lyras Willen und ihre Magie zusammengehalten wurde. Er lehnte an ihr, sein Kopf auf ihrer Schulter, aber sein „Haar“ tropfte auf ihre Robe, durchnässte sie.
Lyra zitterte nicht vor Kälte. Sie zitterte vor Anstrengung. Ihre Hände lagen auf seiner Brust – oder dort, wo seine Brust war – und glühten in einem stetigen, schwachen Grün. Sie fütterte ihn mit Wärme, Sekunde für Sekunde, um zu verhindern, dass er zu einem Eisblock erstarrte.
„Erzähl mir vom Meer“, flüsterte Lyra. Ihre Stimme war brüchig.
„Es ist... weit“, gurgelte Kael. Er hatte keinen Mund mehr, den man sehen konnte, aber seine Stimme war da, direkt in ihren Köpfen. „Es ist tief. Es gibt keine Schmerzen dort. Nur Strömung.“
„Bleib hier“, flehte Lyra. „Die Strömung kann warten.“
„Ich versuche es“, sagte das Wasser.
Tarek hustete. Es war ein hässliches, nasses Geräusch. Blutiger Schaum trat auf seine Lippen.
„Wir sterben hier, Mädchen“, sagte er zu Clara. Er öffnete die Augen. Sie waren grau, trüb, der Glanz des Kriegers war fast erloschen. „Wenn der Junge nicht bald aufwacht... frieren wir hier fest. Wir werden Teil der Architektur.“
„Er wacht auf“, sagte Clara stur. Sie strich Elias das Haar aus der Stirn. „Er lässt uns nicht zurück.“
„Vielleicht hat er keine Wahl“, sagte Tarek. Er versuchte sich aufzurichten, sank aber stöhnend zurück. „Vielleicht gefällt es ihm dort, wo er ist, besser als hier. Wer könnte es ihm verdenken?“
Clara blickte auf das Amulett. Das goldene Licht pulsierte friedlich.
Vater, dachte sie. Sie erinnerte sich an die Worte auf dem Marmorschild. Er hat sich geopfert, damit ich leben kann.
Sie blickte auf Tarek. Auf Marcus. Auf Lyra.
Und jetzt muss ich sie am Leben halten.
„Wir warten“, sagte Clara. Ihre Stimme hatte den Stahl zurückgewonnen, den sie auf der Brücke verloren hatte. „Wir warten, bis er zurückkommt. Und wenn wir uns gegenseitig wärmen müssen, bis wir brennen.“
Sie rutschte näher an Tarek heran. Sie zog Marcus am Ärmel zu sich.
„Zusammenrücken“, befahl sie. „Körperwärme.“
Marcus kroch gehorsam heran. Er zitterte so stark, dass seine Zähne aufeinanderschlugen. Er drückte sich an Tareks andere Seite. Clara nahm seine Hand. Sie war dünn, knochig, eiskalt.
„Die Wahrscheinlichkeit...“, setzte Marcus an.
„Null“, sagte Clara. „Ich weiß. Aber wir sind immer noch hier.“
Eine Stunde verging. Oder zwei.
Die Dunkelheit um sie herum wurde dichter. Die Sterne über ihnen schienen näher zu kommen, kalte, unbarmherzige Augen, die auf ihr Ende warteten.
Plötzlich veränderte sich das Licht.
Nicht am Himmel.
Am Boden.
Das goldene Pulsieren von Elias’ Amulett wurde schneller. Es wurde heller.
Bumm-bumm. Bumm-bumm.
Es war nicht mehr sanft. Es war fordernd.
Elias’ Körper bäumte sich auf. Sein Rücken bog sich durch, als hätte er einen Schlag bekommen.
„Elias!“, rief Clara.
Er riss die Augen auf.
Aber es waren nicht seine Augen.
Für einen Moment waren sie pures, flüssiges Gold. Kein Weiß, keine Iris, keine Pupille. Nur Licht.
Er atmete ein. Ein gewaltiger, rasselneder Atemzug, als würde er nach Jahren unter Wasser an die Oberfläche brechen.
„Vater“, keuchte er.
Das Licht in seinen Augen verblasste, wich dem vertrauten Grau. Aber der Blick war anders. Er war älter.
Er setzte sich abrupt auf. Der Schnee rieselte von seinem Mantel.
„Elias?“, fragte Marcus vorsichtig.
Elias sah sie an. Er sah Clara, Tarek, Marcus. Er sah Lyra und das Wasserwesen Kael.
Er sah aus, als würde er sie zum ersten Mal sehen – oder zum letzten Mal.
„Wir müssen weiter“, sagte er. Seine Stimme war rau, aber sie zitterte nicht mehr. Da war keine Unsicherheit mehr in ihm.
Er stand auf. Seine Bewegungen waren flüssig, kraftvoll, als hätte er nicht tagelang gehungert und gefroren, sondern als hätte er gerade ein Festmahl gegessen.
„Was ist passiert?“, fragte Tarek. „Wo warst du?“
Elias griff an seine Brust, dorthin, wo unter dem Amulett der Brief an seine Mutter lag.
„Ich war zu Hause“, sagte er. „Und ich habe den Segen bekommen.“
Er ging zum Rand des Kessels. Er blickte hinauf zur Festung Nox Aeterna, die nun greifbar nah war, ein schwarzer Monolith vor den Sternen.
„Er ist kein Feind“, sagte Elias leise. „Er wartet.“
Er drehte sich zu ihnen um.
„Könnt ihr gehen?“
„Wir können kriechen“, sagte Tarek.
„Gut“, sagte Elias. „Denn das letzte Stück... das gehen wir aufrecht.“
Er ging zu Kael und Lyra. Er kniete sich vor das Wasserwesen.
„Kael“, sagte er. „Kannst du uns noch einmal helfen? Ein letztes Mal?“
Das Wasser formte ein Gesicht. Es nickte.
„Dann los“, sagte Elias.
Er half ihnen auf. Er zog sie hoch, nicht nur mit seinen Händen, sondern mit einer neuen Autorität, die von ihm ausstrahlte. Er war nicht mehr der Junge aus Aetherholm. Er war auch nicht mehr der zweifelnde Träger.
Er war derjenige, der die Antwort kannte.
„Das Tor ist offen“, sagte Elias.
Und tatsächlich. Oben, am Ende der Rampe, begannen die gigantischen Flügel des Festungstores sich zu bewegen. Lautlos. Einladend.
Dahinter lag keine Dunkelheit mehr. Dahinter lag ein fahles, graues Licht.
Das Licht des Endes.
Der Weg vom Kessel zum Tor der Festung war keine lange Strecke. In einer normalen Welt, auf einer gepflasterten Straße in Seraphis, wäre es ein Spaziergang von vielleicht fünf Minuten gewesen.
Hier, in der Todeszone, war es eine Ewigkeit.
Elias ging voran. Er drehte sich nicht um, um zu sehen, ob die anderen ihm folgten. Er wusste es. Er spürte ihre Präsenzen wie Geisterlichter in seinem Rücken – Claras stahlharte Entschlossenheit, Tareks flackernde Lebensflamme, Marcus’ rasenden Verstand und das seltsame, kühle Fließen, das Kael und Lyra geworden waren.
Der Wind hatte aufgehört.
Das war das Unheimlichste an diesem letzten Stück Weg. Sobald sie den Schutz der Felsnadeln verlassen hatten und auf die breite Rampe aus Obsidian traten, die zum Tor führte, starb der Sturm. Es war keine natürliche Stille. Es war ein Vakuum. Der Lärm der Welt wurde abgeschnitten, ersetzt durch ein tiefes, subsonisches Summen, das nicht in den Ohren dröhnte, sondern direkt in den Zähnen vibrierte.
Die Festung atmet, dachte Elias.
Er blickte auf das Bauwerk vor ihm. Nox Aeterna war nicht gebaut worden. Es war gewachsen. Die schwarzen Mauern ragten nahtlos aus dem Berg, als hätte jemand den Fels genommen und ihn in eine Form aus reiner Bosheit und Geometrie gezwungen. Es gab keine Fugen, keine Fenster, keine Schießscharten. Nur diese endlose, glatte Schwärze, die das Sternenlicht verschluckte.
Und das Tor.
Die beiden Flügel standen weit offen. Sie waren gigantisch, fünfzig Meter hoch, und ihre Oberfläche war nicht leer. Sie war bedeckt mit Runen, die so fein waren, dass sie aussahen wie Risse im Glas.
„Thran'dua“, flüsterte Marcus hinter ihm. Er war herangehumpelt, gestützt auf einen improvisierten Stock aus gefrorenem Treibholz, den er irgendwo gefunden hatte. Er blieb stehen, starrte auf die Schriftzeichen. Seine Augen hinter der fehlenden Brille waren weit aufgerissen.
„Das ist die Ursprache“, keuchte er. „Die Sprache der Schöpfung.“
„Was steht da?“, fragte Clara. Sie hatte Tarek den Arm um die Schulter gelegt, schleppte den Söldner mehr, als dass er ging.
Marcus schüttelte den Kopf. „Es ist kein Satz. Es ist eine Definition. Links steht Anfang. Rechts steht Ende. Und in der Mitte...“ Er deutete auf den leeren Raum zwischen den Torflügeln. „In der Mitte ist Nichts.“
„Passend“, brummte Tarek. Er spuckte blutigen Schleim auf den makellosen schwarzen Boden. „Dann gehen wir ins Nichts. Wenigstens zieht es dort nicht.“
Elias ging weiter.
Er erreichte die Schwelle.
Hier, genau an der Linie, wo der Fels des Berges endete und der Boden der Festung begann, spürte er einen Widerstand. Es war keine physische Barriere. Es war eine Membran aus alter Macht. Eine Warnung.
Kehr um, flüsterte der Stein unter seinen Sohlen. Was hier eintritt, gehört nicht mehr sich selbst.
Elias legte die Hand auf seine Brust. Der Brief an seine Mutter knisterte leise unter dem Stoff. Das Amulett war warm und schwer.
„Ich gehöre mir schon lange nicht mehr“, sagte er lautlos.
Er machte den Schritt.
Ein Schauer lief über seinen Körper, als würde er durch einen Vorhang aus Spinnweben gehen. Die Luft auf der anderen Seite war anders. Sie war nicht dünn und kalt wie draußen. Sie war schwer, trocken und roch nach Ozon und... Asche.
Er war drin.
Er wartete, bis die anderen nachkamen.
Clara und Tarek traten über die Schwelle. Clara zögerte kurz, blickte ein letztes Mal zurück in die graue Welt der Wolken und Gipfel. Dann straffte sie die Schultern und trat ins Dunkel.
Lyra und Kael waren die Letzten.
Lyra musste Kael fast tragen. Der Wassermagier hatte keine Beine mehr, die diesen Namen verdienten. Seine untere Hälfte war ein Wirbel aus halbgefrorenem Wasser, der über den Boden glitt.
Als Kael die Schwelle passierte, zischte es. Das Wasser reagierte auf den Obsidianboden der Festung. Dampf stieg auf.
„Es tut weh“, wimmerte Kael. Seine Stimme war nur noch ein Gurgeln. „Der Stein... er ist trocken. Er ist durstig.“
„Wir sind gleich da“, sagte Lyra verzweifelt. „Nur noch ein bisschen.“
Sie waren alle drinnen.
Sie standen in einer Halle, deren Ausmaße sie nicht erfassen konnten. Die Decke verlor sich in der Dunkelheit. In weiter Ferne, vielleicht einen Kilometer entfernt, sahen sie ein schwaches, violettes Glimmen.
BUMM.
Das Geräusch kam von hinter ihnen.
Die Torflügel setzten sich in Bewegung.
Sie bewegten sich nicht langsam. Sie schlugen zu. Mit einer Geschwindigkeit und Wucht, die den Boden erzittern ließ, rasten die beiden Obsidianplatten aufeinander zu.
„Rückzug ist keine Option mehr“, stellte Tarek trocken fest.
Die Flügel trafen sich.
Es gab keinen Knall. Es gab ein Geräusch, als würde die Welt einrasten. Ein tiefes, sattes Klack, das in ihren Knochen widerhallte. Die Runen auf dem Tor leuchteten kurz hellviolett auf, dann erloschen sie.
Die Naht zwischen den Flügeln verschwand.
Wo eben noch der Ausgang war, war jetzt nur noch eine glatte, schwarze Wand.
Sie waren eingeschlossen.
„Willkommen in Nox Aeterna“, sagte Elias. Seine Stimme hallte in der riesigen Leere der Halle, vervielfachte sich, bis es klang, als würde eine Armee sprechen.
Er drehte sich zu dem violetten Licht in der Ferne.
„Der Thronsaal ist dort“, sagte er. Er wusste es nicht, er spürte es. Das Amulett zog ihn dorthin wie eine Kompassnadel.
„Lagern wir?“, fragte Marcus hoffnungsvoll. Er war auf die Knie gesunken, seine Kraft war am Ende.
Elias blickte auf seine Freunde. Sie waren am Ende. Tarek war grau, Marcus zitterte, Kael löste sich auf.
Aber er wusste, dass sie nicht lagern konnten.
„Wenn wir uns hinlegen, stehen wir nicht mehr auf“, sagte Elias. „Der Boden hier... er zieht Energie. Spürt ihr das?“
Es stimmte. Der schwarze Obsidian unter ihren Füßen war nicht passiv. Er war ein Schwamm. Er sog an ihrer Wärme, an ihrem Willen.
„Wir müssen weiter“, sagte Elias. „Zum Licht. Dort ist Elion. Dort endet es.“
Er ging zu Marcus, reichte ihm die Hand.
„Komm, Gelehrter. Du wolltest immer Geschichte schreiben. Jetzt bist du mittendrin.“
Marcus griff nach der Hand. Er zog sich hoch. Er lächelte schwach.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass das eine Tragödie wird, liegt bei 98 Prozent“, sagte er.
„Dann nutzen wir die zwei Prozent“, sagte Elias.
Er ging wieder an die Spitze.
Schritt für Schritt setzten sie sich in Bewegung, hinein in die Dunkelheit der Festung, geführt nur von dem fernen violetten Glimmen und dem goldenen Herzschlag des Amuletts.
Die Türen waren zu. Der Berg hatte sie verschluckt.
Jetzt mussten sie nur noch überleben, bis sie das Herz erreichten.