NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft

KAPITEL 6: Das Erwachen des Medaillons

Teil 1 von 5

Der Fall in das Amulett war kein Sturz in die Tiefe. Es war ein Sturz in die Wärme.

Eben noch hatte Elias den beißenden Frost der Todeszone auf seiner Haut gespürt, das harte Granitgestein unter seinem Rücken und das pfeifende Atmen seiner erschöpften Freunde in den Ohren. Doch in dem Moment, als sein Bewusstsein die Schwelle überschritt, verschwand die Kälte. Sie wurde nicht einfach weniger; sie wurde ausgelöscht.

Elias blinzelte.

Er erwartete Dunkelheit. Er erwartete die Leere, die das Amulett so lange verkörpert hatte. Jenen hungrigen Abgrund, der Licht und Leben fraß.

Stattdessen roch er Holzrauch.

Es war ein satter, harziger Geruch, vermischt mit dem Duft von gebratenem Fleisch und feuchter Erde. Gerüche, die hier oben, jenseits der Wolkendecke, physikalisch unmöglich waren.

Elias setzte sich auf.

Er befand sich nicht mehr in dem windgeschützten Kessel vor dem Tor von Nox Aeterna.

Er saß auf einer Lichtung. Hohe, dunkle Tannen umringten ihn, ihre Wipfel wie schwarze Speerspitzen gegen einen Nachthimmel, der nicht leer und bedrohlich war, sondern von einem sanften, silbernen Mondlicht durchflutet wurde. Das Gras unter seinen Händen war weich, federnd und trocken.

„Das ist nicht real“, flüsterte Elias. Er blickte an sich herab. Er trug nicht mehr seine zerschlissene, vom Eis verkrustete Reisekleidung. Er trug eine einfache Tunika aus Leinen und eine Hose aus grobem Wollstoff.

Er hob seine rechte Hand.

Der Schwarze Handschuh war weg.

Seine Hand war fleischfarben. Narbenfrei. Er bewegte die Finger. Sie gehorchten ihm ohne den mechanischen Widerstand, an den er sich in den letzten Monaten gewöhnt hatte. Er war wieder ganz. Er war wieder der Junge aus Aetherholm.

Ein Knacken ließ ihn zusammenzucken.

In der Mitte der Lichtung, nur wenige Meter entfernt, brannte ein Lagerfeuer. Die Flammen leckten gemütlich an den Holzscheiten, warfen tanzende Schatten auf den Waldboden.

Und am Feuer saß jemand.

Ein Mann. Er saß mit dem Rücken zu Elias, auf einem umgestürzten Baumstamm, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Er trug einen Mantel aus geflicktem Leder und Stiefel, die aussahen, als hätten sie tausend Meilen gesehen.

Er summte eine Melodie. Eine alte, simple Weise, die Elias kannte. Es war das Lied, das man in den Dörfern des Nordens sang, wenn die Ernte eingebracht war.

Elias stand auf. Seine Beine fühlten sich leicht an, frei von der bleiernen Schwere des Aufstiegs. Er machte einen Schritt auf das Feuer zu. Das Gras dämpfte seine Schritte nicht; es begrüßte sie.

„Wer bist du?“, fragte Elias. Seine Stimme zitterte, aber nicht vor Angst. Vor einer Ahnung.

Der Mann am Feuer hörte auf zu summen. Er drehte sich nicht sofort um. Er nahm einen Stock und stocherte in der Glut, bis Funken wie kleine Glühwürmchen in die Nachtluft stiegen.

„Du hast dir Zeit gelassen, Junge“, sagte der Mann.

Die Stimme traf Elias wie ein physischer Schlag in die Magengrube. Sie war tief, rau, wie Kies, der in einem Bachbett rollt. Eine Stimme, die er seit Jahren nicht mehr gehört hatte, aber die in jedem seiner Träume widerhallte.

Der Mann drehte sich um.

Das Gesicht war älter, als Elias es in Erinnerung hatte. Der Bart war grauer, die Falten um die Augen tiefer. Aber die Augen selbst – grau, wachsam und voller einer schmerzhaften Wärme – waren unverändert.

„Vater?“, hauchte Elias.

Jorin von Aetherholm lächelte. Es war ein müdes, aber echtes Lächeln.

„Setz dich, Elias“, sagte er und klopfte auf den Platz neben sich auf dem Baumstamm. „Die Suppe ist gleich fertig. Und wir haben viel zu bereden.“

Elias bewegte sich nicht. Er stand wie angewurzelt da, unfähig, die Distanz zwischen der Erinnerung und diesem Moment zu überbrücken.

„Du bist tot“, sagte Elias. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung, an die er sich geklammert hatte wie an einen Schild. „Du bist im Eis gestorben. Ich habe deine Spuren gesehen.“

„Tod ist ein relativer Begriff, wenn man Magie in der Tasche trägt“, sagte Jorin ruhig. Er deutete auf seine Brust. Dort, über seinem Herzen, hing nichts. Aber Elias wusste, was dort gehangen hatte.

„Das Amulett“, sagte Elias. Er griff unbewusst an seine eigene Brust. In dieser Welt trug er es nicht, aber er spürte sein Gewicht, seine Präsenz.

„Das Leere Gefäß“, korrigierte Jorin. „Es bewahrt Dinge, Elias. Nicht nur Energie. Sondern auch... Abdrücke. Echos.“

Er sah Elias an, und sein Blick wurde ernster.

„Komm her, Sohn. Ich bin kein Geist, der dich heimsucht. Ich bin der letzte Riegel, den ich vorgeschoben habe, bevor ich ging.“

Elias ging langsam auf ihn zu. Jeder Schritt war ein Kampf gegen die Wut, die plötzlich in ihm aufstieg. Die Wut des verlassenen Kindes, die Wut des Sohnes, der geglaubt hatte, sein Vater sei ein Feigling.

Er erreichte das Feuer. Er setzte sich, aber er hielt Abstand.

„Warum?“, fragte Elias. Das Wort war scharf, kantig. „Warum hast du uns verlassen? Warum hast du Mutter allein gelassen?“

Jorin seufzte. Er blickte in die Flammen, als würde er dort die Antworten lesen.

„Weil ich feige war“, sagte Jorin leise.

Elias starrte ihn an. Er hatte Ausreden erwartet. Heldengeschichten. Rechtfertigungen. Aber nicht das.

„Feige?“, wiederholte Elias.

„Ich hatte Angst“, sagte Jorin. „Nicht um mich. Um euch.“

Er hob den Kopf und sah in den Nachthimmel der Vision.

„Ich habe das Amulett gefunden, als ich jung war. Jünger als du jetzt. Ich wusste nicht, was es war. Ich dachte, es wäre ein Glücksbringer. Aber dann... begann es zu flüstern.“

Er rieb sich die Hände, als ob er eine alte Kälte vertreiben wollte.

„Es zog Dinge an, Elias. Schatten. Kälte. Unglück. Die Ernte verdarb. Tiere wurden krank. Und dann spürte ich Sie. Die Sucher. Arkans Hunde.“

Jorin blickte Elias direkt an.

„Sie kamen näher. Ich wusste, wenn sie mich in Aetherholm finden... finden sie auch dich. Und Elara.“

„Also bist du weggelaufen“, sagte Elias bitter. „Du hast dich gerettet.“

„Ich habe mich als Köder angeboten“, sagte Jorin. Seine Stimme wurde härter. „Ich bin gegangen, um sie wegzulocken. Ich bin nach Norden gegangen, direkt in die Arme des Winters, weil ich wusste, dass sie mir folgen würden. Ich habe eine Spur gelegt, die so hell war, dass sie Aetherholm im Schatten ließ.“

„Und dann?“, fragte Elias. „Was ist dann passiert?“

„Ich bin so weit gelaufen, wie ich konnte“, sagte Jorin. „Bis zu den Silberkammbergen. Bis das Amulett so schwer wurde, dass ich nicht mehr atmen konnte.“

Er lächelte traurig.

„Ich wusste, dass ich sterben würde. Aber ich wollte nicht, dass das Amulett einfach im Schnee liegt und auf den nächsten Finder wartet. Ich wollte es... versiegeln.“

Er legte die Hand auf Elias’ Knie.

„Ich habe meine Seele hineingegeben, Elias. Alles, was ich war. Meine Liebe zu dir. Meine Liebe zu Elara. Ich habe mich selbst benutzt, um das Gefäß zu verstopfen. Damit Arkan es nicht nutzen kann. Damit es schläft.“

Elias spürte die Wärme der Hand seines Vaters. Sie war echt. Oder so echt, wie irgendetwas an diesem Ort sein konnte.

„Es hat nicht gereicht“, flüsterte Elias. „Ich habe es gefunden. Es ist aufgewacht.“

„Weil du mein Blut hast“, sagte Jorin. „Es hat auf dich reagiert. Das Siegel... es war nicht für die Ewigkeit gemacht. Nur für eine Generation.“

Er drückte Elias’ Knie.

„Es tut mir leid, Elias. Ich wollte dir das ersparen. Ich wollte, dass du ein Bauer wirst. Dass du alt wirst, mit Erde unter den Fingernägeln und Sonne im Gesicht. Nicht... das hier.“

Er deutete auf Elias, auf die unsichtbaren Narben, die er trug.

Elias schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Die Wut wich der Trauer.

„Es ist zu spät für ein Bauernleben“, sagte Elias. „Wir stehen vor dem Tor. Nox Aeterna.“

Jorin nickte. Sein Gesicht wurde ernst, die väterliche Wärme wich dem Blick eines Wächters.

„Ich weiß. Ich habe alles gesehen, was du gesehen hast. Ich war bei dir, Elias. Im Dschungel. In der Wüste. Auf dem Meer. Ich war der Schatten in deinem Augenwinkel.“

Er stand auf.

„Aber wir sind nicht hier, um über die Vergangenheit zu reden. Wir sind hier, weil du die Wahrheit wissen musst. Bevor du da reingehst.“

„Welche Wahrheit?“, fragte Elias.

„Die Wahrheit über den Mann, den du töten willst“, sagte Jorin. „Die Wahrheit über Elion.“

Er trat an das Feuer. Er hob die Hand über die Flammen. Das Feuer veränderte sich. Es wurde nicht mehr rot und gelb. Es wurde violett und schwarz.

Die Umgebung veränderte sich. Der Wald wich zurück. Die Lichtung wurde zu einer Halle aus Eis.

„Sieh hin, Elias“, sagte Jorin. „Sieh nicht mit den Augen eines Helden, der einen Bösewicht sucht. Sieh mit den Augen eines Trägers.“

Die Flammen wuchsen. Sie formten Bilder.

Und Elias sah.

Die Flammen des Lagerfeuers in der Vision tanzten nicht mehr wild und chaotisch. Sie erstarrten. Sie wurden zu flüssigem Glas, das Formen annahm, Farben wechselte und Szenen malte, die so lebendig waren, dass Elias den Rauch in seinen Augen brennen fühlte.

„Sieh genau hin“, sagte Jorin. Er stand neben dem Feuer, die Hände in den Taschen seines abgewetzten Mantels vergraben, das Gesicht beleuchtet vom Schein einer sterbenden Sonne, die nicht zu dieser Lichtung gehörte. „Das ist keine Geschichte aus einem Buch, Elias. Das ist das Gedächtnis der Welt.“

Elias beugte sich vor. Die Hitze des Feuers wich einer Eiseskälte, die aus den Bildern strömte.

Er sah eine Stadt.

Es war nicht das Seraphis, das er kannte, mit seinen fünf Ringen und den weißen Mauern der Akademie. Diese Stadt war aus schwarzem Kristall und silbernem Metall gebaut, filigran und stolz, thronend auf dem Gipfel der Welt, dort wo jetzt nur noch Nox Aeterna stand. Es war die Erste Stadt. Der Ursprung.

Der Himmel über der Stadt war zerrissen.

Schwarze Wolken, dicht und ölig wie Teer, quollen aus einem Riss in der Realität. Sie regneten nicht Wasser, sie regneten Schatten. Wo die Tropfen den Boden berührten, verschwand die Materie einfach. Gebäude lösten sich auf, Straßen wurden zu Nichts. Menschen rannten, schrien, aber ihre Schreie wurden verschluckt, bevor sie hörbar waren.

Und inmitten dieses Chaos stand ein Mann.

Er stand auf dem höchsten Balkon des höchsten Turms. Er trug keine Rüstung, sondern eine Robe aus weißem Stoff, die im unnatürlichen Wind flatterte. Sein Haar war schwarz wie Rabenfedern, sein Gesicht jung, schön und verzerrt vor Entsetzen.

„Elion“, flüsterte Elias. Er erkannte ihn wieder, obwohl er tausend Jahre jünger war als der Greis im Eis.

Neben Elion stand eine Frau. Sie war ebenso schön, mit goldenem Haar und Augen wie der Sommerhimmel. Sie klammerte sich an seinen Arm, flehte ihn an.

„Das ist Valeria“, sagte Jorins Stimme aus dem Off. „Die erste Königin. Seine große Liebe.“

Im Feuer sah Elias, wie Elion sich sanft von ihr löste. Er küsste sie auf die Stirn. Es war ein Abschied, der so endgültig war, dass Elias den Schmerz in seiner eigenen Brust spürte.

Elion trat an die Brüstung. Er hob die Hände.

Er rief keine Blitze. Er rief keine Armee.

Er rief die Dunkelheit.

„Nimm mich!“, schrie der junge Prinz in der Vision. Seine Lippen bewegten sich stumm, aber Elias hörte die Worte in seinem Kopf, übertragen durch die Resonanz des Amuletts. „Lass die Welt. Nimm mich. Ich bin das Gefäß!“

Die schwarze Wolke hielt inne. Sie schien zu zögern, wie ein Raubtier, das eine bessere Beute wittert.

Dann stürzte sie sich auf ihn.

Es war kein Angriff. Es war eine Invasion.

Der schwarze Rauch schoss in Elions Mund, in seine Nase, in seine Augen. Er drang durch die Poren seiner Haut. Elions Körper bäumte sich auf. Sein Rücken bog sich durch, bis man meinte, die Wirbelsäule müsse brechen. Seine weiße Robe färbte sich schwarz. Seine Haut wurde grau.

Er schrie.

Es war ein Schrei, der nicht endete. Ein Schrei, der Glas zerspringen ließ. Aber er wich nicht zurück. Er stand da, die Arme ausgebreitet, und trank die Dunkelheit wie Gift. Er saugte sie auf, zog sie aus der Stadt, aus dem Himmel, aus der Welt, und sperrte sie in sein eigenes Fleisch.

Die Stadt unter ihm atmete auf. Der Riss im Himmel schloss sich. Die Sonne brach durch.

Aber Elion fiel.

Er sank auf die Knie, dann auf das Gesicht. Er zuckte, würgte. Schattenfäden schossen aus seinem Rücken, versuchten zu entkommen, aber er drückte sie zurück. Er kämpfte mit seinem eigenen Körper, der nun ein Gefängnis war.

Valeria rannte zu ihm. Sie wollte ihn berühren.

„Nicht!“, brüllte Elion. Seine Stimme war nicht mehr menschlich. Sie war ein Grollen aus tausend Kehlen. „Fass mich nicht an! Ich bin nicht mehr ich! Lauf!“

Er kroch zurück in den Schatten des Turms. Er versteckte sich vor dem Licht, das er gerettet hatte.

Das Bild im Feuer verblasste. Der schwarze Kristallturm wurde wieder zu verkohlten Holzscheiten.

Elias saß stumm auf dem Baumstamm. Tränen liefen über sein Gesicht, ohne dass er es bemerkte.

„Er hat sich geopfert“, sagte Elias leise. „Er hat nicht versucht, Gott zu werden. Er hat versucht, der Mülleimer der Götter zu sein.“

„Anaxi ist die Leere“, sagte Jorin, der sich wieder gesetzt hatte. „Sie kann nicht vernichtet werden, Elias. Sie ist der Gegenpol zur Schöpfung. Solange Licht existiert, existiert auch Schatten. Elion wusste das. Er wusste, dass man den Schatten nicht töten kann. Man kann ihn nur... tragen.“

Elias blickte auf seine Hände. Er dachte an die Energie, die er Tarek entzogen hatte. An den Schatten auf der Brücke, den er eingesaugt hatte.

„Das Amulett“, sagte er. „Es wurde gemacht, um ihm zu helfen?“

„Es wurde gemacht, um ihn zu entlasten“, nickte Jorin. „Die Magier der Ersten Ära schmiedeten das Leere Gefäß. Die Idee war, die überschüssige Dunkelheit, die aus Elion sickerte, abzusaugen. Wie man Eiter aus einer Wunde zieht. Aber es funktionierte nicht wie geplant. Es war zu stark. Oder Elion war zu schwach.“

Jorin nahm einen Stock und zeichnete einen Kreis in die Asche am Rand des Feuers.

„Das Amulett braucht einen Träger, der stark genug ist, dem Sog zu widerstehen, aber leer genug, um die Energie aufzunehmen. Tausend Jahre lang haben sie gesucht. Und niemanden gefunden.“

Er sah Elias an.

„Bis du es im Dreck von Aetherholm gefunden hast.“

„Warum ich?“, fragte Elias. „Ich bin kein Magier. Ich bin kein Prinz.“

„Weil du schon leer warst, bevor du es gefunden hast“, sagte Jorin traurig. „Der Tod deiner Mutter... meine Flucht... das Leben am Rand der Welt. Du hattest diesen Riss in dir, Elias. Diese Sehnsucht nach etwas, das dich füllt. Das Amulett hat diesen Riss erkannt. Es hat sich in ihn eingenistet.“

Elias verstand. Die Kälte, die er immer gespürt hatte. Die Distanz zu den anderen Kindern im Dorf. Er war das perfekte Schloss für diesen Schlüssel gewesen.

„Also bin ich das Ersatzteil“, sagte Elias bitter. „Ich bin hier, um die Batterie zu wechseln.“

„Du bist hier, um eine Wahl zu treffen“, sagte Jorin.

Er stand auf und ging um das Feuer herum, bis er direkt vor Elias stand. Er wirkte jetzt sehr ernst. Die Gemütlichkeit der Lichtung war verflogen.

„Elion stirbt, Elias. Sein Körper hält nicht mehr. Wenn er bricht, kommt Anaxi frei. Und diesmal gibt es keinen Prinzen, der stark genug ist, sie zu fangen.“

„Außer mir“, sagte Elias.

„Du bist kein Prinz“, sagte Jorin. „Aber du hast das Amulett. Du hast die drei Fragmente. Sonne, Wald, Ozean. Sie sind nicht nur Machtquellen. Sie sind die Anker, die verhindern, dass die Dunkelheit dich sofort verschlingt.“

Er legte seine Hände auf Elias’ Schultern.

„Wenn du dich auf diesen Thron setzt... wenn du Elions Last übernimmst... wirst du nicht sterben. Aber du wirst auch nicht leben. Du wirst der Wächter sein. Du wirst dort oben sitzen, in der Kälte, bis ans Ende der Zeit. Du wirst sehen, wie Clara alt wird und stirbt. Wie Tarek fällt. Wie die Welt sich dreht und dich vergisst.“

Jorins Stimme brach.

„Als dein Vater... will ich dich an den Haaren packen und hier wegschleifen. Ich will, dass du rennst. Dass du fliehst, so wie ich geflohen bin.“

Er drückte Elias fest.

„Aber als der Mann, der seine Seele gegeben hat, um diesen Moment vorzubereiten... muss ich dich bitten, zu bleiben.“

Elias schloss die Augen. Er spürte das Gewicht der Entscheidung. Es war schwerer als jeder Felsbrocken.

„Gibt es keinen anderen Weg?“, fragte er. „Marcus redet von Variablen. Von Lösungen.“

„Marcus ist ein brillanter Kopf“, sagte Jorin. „Aber er versucht, Magie mit Mathematik zu lösen. Anaxi ist keine Zahl. Sie ist Hunger. Man kann Hunger nicht wegdiskutieren. Man muss ihn füttern.“

Elias öffnete die Augen. Er sah in das Gesicht seines Vaters. Er sah die Liebe darin, aber auch die unendliche Resignation.

„Ich habe Angst“, gestand Elias.

„Gut“, sagte Jorin. Er lächelte unter Tränen. „Nur Narren haben keine Angst. Angst hält dich wach. Und du musst wach bleiben, Elias. Sehr lange.“

Der Wald um sie herum begann zu verblassen. Die Bäume wurden transparent wie Nebel. Das Feuer flackerte, wurde kleiner.

„Die Zeit läuft ab“, sagte Jorin. „Dein Körper draußen wird kalt. Deine Freunde brauchen dich.“

„Werde ich dich wiedersehen?“, fragte Elias schnell. Er wollte nicht, dass es endet. Er wollte in dieser warmen Lüge bleiben.

„Ich bin im Amulett“, sagte Jorin. Er begann sich aufzulösen, wurde zu Lichtpunkten. „Ich bin immer bei dir. Ich bin das Flüstern, wenn du denkst, du bist allein.“

Er beugte sich vor und küsste Elias auf die Stirn.

„Geh jetzt, mein Sohn. Und sei besser, als ich es war. Lauf nicht weg.“

„Ich laufe nicht“, sagte Elias.

Die Welt wurde weiß.

Das Weiß, das Elias’ Sicht erfüllte, war kein Licht. Es war das Fehlen von Kontur.

Es war das Weiß, das man sieht, wenn man zu lange in die Sonne gestarrt hat und die Augen schließt – ein Nachbild, das sich in die Netzhaut gebrannt hat. Aber langsam, quälend langsam, begannen sich graue Schlieren in die Helligkeit zu mischen. Das Weiß wurde schmutzig. Es bekam Risse, Kanten und Schatten.

Dann kam der Schmerz zurück.

Er kam nicht plötzlich, sondern kroch wie eine Flutwelle aus Eiswasser durch seine Glieder. Zuerst spürte er seine Fingerspitzen nicht, dann brannten sie wie Feuer. Seine Knie pochten im Takt eines Herzschlags, der viel zu langsam und viel zu schwerfällig schien. Die Luft, die er einsog, schmeckte nicht mehr nach Holzrauch und Sommergras. Sie schmeckte nach Metall. Nach Ozon. Nach Stein, der seit Äonen nicht mehr von der Sonne gewärmt worden war.

Elias öffnete die Augen.

Über ihm wölbte sich kein blauer Nachthimmel. Über ihm hing der graue, drückende Nebel der Todeszone, so tief, dass er meinte, die Wolken mit der Hand berühren zu können.

Er lag im Schnee.

Sein Körper war steif gefroren. Eine dünne Schicht Reif hatte sich auf seinem Mantel, seinen Wimpern und seinen Lippen gebildet. Er musste hier draußen gelegen haben – Minuten? Stunden? –, während sein Geist am Feuer seines Vaters gesessen hatte.

Er versuchte, sich zu bewegen. Seine Muskeln protestierten, schrien auf, als wären sie aus rostigem Eisen. Er drehte den Kopf zur Seite.

Der Kessel war still.

Seine Freunde waren da. Sie lagen im Kreis um ihn herum, kleine, dunkle Hügel im Schnee, halb begraben.

Tarek lag auf dem Rücken, den Mund leicht geöffnet, sein Atem bildete kleine, schwache Wölkchen, die sofort verwehten. Seine Hand lag auf dem Griff seines Krummschwertes, aber die Finger waren blau und leblos. Clara kauerte daneben, zusammengerollt wie ein Kind, den Kopf auf den Knien. Selbst im Schlaf wirkte ihre Haltung angespannt, bereit, jederzeit aufzuspringen und zu kämpfen. Marcus und Lyra lagen dicht beieinander, um Wärme zu teilen. Kael... Kael war kaum zu erkennen. Er war nur eine dunkle Pfütze, die ihre Form verloren hatte, ein Schatten im Eis.

Sie sahen nicht aus wie Helden. Sie sahen aus wie Opfer, die der Berg bereits gefordert, aber noch nicht ganz verschlungen hatte.

Elias starrte sie an, und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise spürte er nicht die vertraute Panik, die Frage: Wie soll ich sie retten? Stattdessen spürte er eine tiefe, bleierne Ruhe.

Er wusste jetzt, wie er sie retten würde.

Er setzte sich auf. Der Schnee rieselte von seinen Schultern. Das Geräusch war in der absoluten Stille ohrenbetäubend laut.

Er griff an seine Brust.

Das Amulett.

Es war heiß.

Nicht das brennende, schmerzhafte Heiß, das er spürte, wenn es Energie saugte. Es war eine strahlende, konstante Wärme, wie ein zweites Herz, das direkt auf seiner Haut schlug. Er zog den Kragen seiner Tunika zur Seite und blickte darauf hinab.

Das Leere Gefäß war nicht mehr grau.

Es hatte sich verändert. Das Metall, das früher stumpf und tot gewirkt hatte, schimmerte nun in einem tiefen, fast flüssigen Silber. Der Kristall in der Mitte, der immer milchig und rissig gewesen war, war klar geworden. Und tief in seinem Inneren tanzten drei Lichter in einem langsamen, hypnotischen Kreis: Das Gold der Sonne von Ashara. Das Grün des Waldes von Canopy. Das Blau des Ozeans der Inseln.

Sie kämpften nicht mehr gegeneinander. Sie flossen ineinander, ergänzten sich, hielten sich in einer perfekten, fragilen Balance.

Und der Riss...

Elias fuhr mit dem Daumen über die Oberfläche des Kristalls. Der Riss war noch da. Er würde immer da sein. Aber er blutete kein Licht mehr. Er war versiegelt.

„Ich bin bei dir“, hatte Jorin gesagt.

Elias schloss die Augen. Er spürte die Präsenz seines Vaters nicht als Stimme, sondern als Gefühl. Als ein Fundament. Der Riss war nicht geheilt, er war gefüllt worden. Mit der Seele eines Mannes, der sein Leben gegeben hatte, um diesen Moment zu ermöglichen.

„Danke“, flüsterte Elias in den Wind.

Er stand auf. Seine Knie knackten, aber er fühlte sich seltsam leicht. Die Erschöpfung, die ihn den ganzen Aufstieg über begleitet hatte, war weggeblasen. Es war nicht die Energie eines gut genährten Körpers – sein Magen knurrte schmerzhaft –, sondern die Klarheit eines Geistes, der keine Fragen mehr hatte.

Er ging zum Rand des Kessels.

Vor ihm ragte die Festung auf. Nox Aeterna.

Aus der Ferne hatte sie wie ein Monster ausgesehen, eine schwarze Klaue, die nach dem Himmel griff. Jetzt, aus der Nähe, sah Elias etwas anderes.

Er sah die Risse im Mauerwerk. Er sah die Art, wie der Stein sich unter einer unsichtbaren Last zu biegen schien. Er sah nicht die Festung eines Tyrannen. Er sah einen Damm, der kurz davor war, zu brechen.

Elion, dachte er.

Das Bild des jungen Prinzen aus der Vision brannte noch in seinem Kopf. Der Mann, der die Dunkelheit geküsst hatte, um sie daran zu hindern, die Welt zu fressen.

Tausend Jahre.

Elias versuchte, sich diese Zeitspanne vorzustellen. Tausend Jahre allein in der Dunkelheit. Tausend Jahre den Atem anhalten, während die Schatten an den Rändern des Verstandes kratzen. Tausend Jahre lang zusehen, wie Generationen leben und sterben, ohne zu wissen, wem sie ihren Atem verdanken.

Und man hatte ihn ein Monster genannt. Einen Verräter.

Elias spürte Tränen in seinen Augen, die sofort auf seinen Wangen gefroren. Es waren keine Tränen der Angst. Es waren Tränen der Scham.

„Wir waren so blind“, flüsterte er.

Er griff unter seinen Mantel, in die Innentasche, direkt über seinem Herzen. Seine Finger berührten das raue Papier des Briefes.

Er holte ihn hervor.

Das Pergament war zerknittert, feucht vom Schnee und Schweiß. Das Siegel aus Asche, das er unten im Tal mit Hilfe des Amuletts eingebrannt hatte, war rissig, hielt aber noch.

Liebe Mutter...

Er hatte den Brief geschrieben, weil er dachte, er würde in den Tod gehen. Er hatte gedacht, er würde gegen ein Monster kämpfen und dabei fallen. Ein heroischer, kurzer Tod. Ein Knall, ein Lichtblitz, und dann Ruhe.

Er hatte sich geirrt.

Es würde kein kurzer Tod sein. Es würde überhaupt kein Tod sein.

Es würde ein langes, langsames Verblassen sein. Ein Sitzen auf einem Stuhl aus Stein, während die Welt sich weiterdrehte. Er würde nicht zu seiner Mutter gehen. Er würde nicht zu Jorin gehen. Er würde hier bleiben. Als Wächter. Als Gefängniswärter und Gefangener zugleich.

Er strich mit dem Daumen über das Papier.

„Wenn ich nicht zurückkehre... dann wenigstens mit Sinn.“

Der Satz aus seinem inneren Monolog, den er vor Tagen gedacht hatte, hallte wieder. Damals war es eine Hoffnung gewesen. Jetzt war es eine Anweisung.

Er würde nicht zurückkehren.

Elias blickte auf seine Freunde zurück.

Clara rührte sich im Schlaf. Sie murmelte etwas Unverständliches, zog die Decke fester um sich. Ihr Gesicht war entspannt, jünger, als es sein sollte. Für einen Moment sah er nicht die Kriegerin, die Narben und Rüstung trug. Er sah das Mädchen, das ihn in der Bibliothek von Seraphis angelächelt hatte, als er dachte, er sei wertlos.

Er liebte sie. Er liebte sie alle. Tarek mit seiner rauen Schale und dem weichen Kern. Marcus mit seiner verzweifelten Suche nach Ordnung in einer chaotischen Welt. Lyra mit ihrem zu großen Herzen. Kael mit seiner stillen Tiefe.

Sie waren seine Familie.

Und genau deshalb musste er sie verlassen.

Wenn er ihnen die volle Wahrheit sagte... wenn er ihnen sagte, dass er vorhatte, sich lebendig begraben zu lassen... würden sie es nicht zulassen. Clara würde ihn anketten und zurück ins Tal schleifen. Tarek würde den Thron zertrümmern, bevor er zuließ, dass Elias sich darauf setzte.

Sie würden versuchen, ihn zu retten. Und damit würden sie die Welt verdammen.

Ich muss es allein tun, dachte Elias. Der letzte Schritt muss mein eigener sein.

Aber er konnte sie nicht anlügen. Nicht mehr. Sie hatten zu viel zusammen durchgemacht. Sie hatten das Recht zu wissen, wofür sie geblutet hatten. Sie mussten wissen, dass Elion kein Feind war. Dass ihr Kampf nicht gegen eine Person, sondern gegen ein Prinzip ging.

„Elias?“

Die Stimme war leise, kaum mehr als ein Krächzen.

Elias drehte sich um.

Clara war wach. Sie hatte sich auf einen Ellbogen gestützt und blinzelte gegen das graue Licht an. Ihre Augen waren rot gerändert, geschwollen, aber ihr Blick war scharf. Sie fixierte ihn.

„Du stehst“, sagte sie. Es klang wie ein Vorwurf und ein Wunder zugleich.

„Ja“, sagte Elias.

Clara schlug die Decke zurück. Sie stand auf. Sie schwankte, griff nach dem Fels, um sich abzustützen, aber sie blieb stehen. Sie war ein Schild. Schilde fielen nicht um.

Sie kam auf ihn zu. Sie sah das Amulett. Sie sah das Licht, das nun ruhig und golden daraus hervorbrach.

„Es hat sich verändert“, sagte sie. Sie streckte die Hand aus, berührte es aber nicht. „Du hast dich verändert.“

Sie blickte ihm ins Gesicht.

„Du warst weg, Elias. Marcus hat gesagt, dein Geist war... entkoppelt.“ Sie suchte in seinen Augen nach einer Antwort. „Wo warst du?“

Elias steckte den Brief zurück in seine Tasche.

„Ich war am Anfang“, sagte er.

Die anderen begannen sich zu regen. Tarek stöhnte, als er sich bewegte, ein Laut puren Schmerzes. Marcus setzte sich auf, rieb sich hektisch die Augen. Lyra weckte Kael, oder das, was von ihm übrig war.

Sie versammelten sich um Elias. Sie sahen ihn an, wie Ertrinkende ein Rettungsboot ansehen.

Elias atmete tief ein. Die kalte Luft füllte seine Lungen, klärte seinen Kopf.

Es war Zeit.

„Wir müssen reden“, sagte Elias. Seine Stimme war fest. Er war nicht mehr der Junge, der Fragen stellte. Er war der Mann, der Antworten gab.

„Worüber?“, fragte Tarek und rieb sich die steife Schulter. „Über den Weg? Über das Tor?“

„Über das Ziel“, sagte Elias.

Er blickte zum Tor von Nox Aeterna.

„Alles, was wir dachten zu wissen... war falsch. Wir gehen da nicht rein, um einen Krieg zu gewinnen. Wir gehen da rein, um einen Fehler zu korrigieren.“

Er sah Clara an.

„Elion ist nicht unser Feind, Clara. Er ist der Grund, warum wir überhaupt noch leben.“

Der Wind im Kessel hatte nachgelassen, aber die Kälte zwischen ihnen war gewachsen.

Elias saß immer noch im Schnee, das Amulett offen auf seiner Brust liegend. Es pulsierte in diesem fremden, warmen Goldton, der so gar nicht zu der grauen Welt um sie herum passte. Die anderen – Clara, Tarek, Marcus, Lyra – starrten ihn an, als hätte er gerade eine Waffe auf sie gerichtet, nicht eine Wahrheit.

„Nicht unser Feind?“, wiederholte Clara. Ihre Stimme war leise, gefährlich ruhig. Sie hatte sich aufgerichtet, ihr Mantel war steif gefroren, aber ihre Haltung war die einer Arendelle-Offizierin, die Verrat wittert. „Elias, sieh dich um. Sieh dir Tarek an.“

Sie deutete auf den Söldner, der schwer atmend im Schnee lag, die Hand auf der verheilten, aber immer noch pochenden Magiebrand-Narbe.

„Der Schattenprinz hat ihn vergiftet. Seine Kreaturen haben uns gejagt. Seine Kälte versucht uns zu töten, seit wir den Fuß auf diesen verdammten Berg gesetzt haben. Und du sagst, er ist nicht der Feind?“

„Die Kälte gehört nicht ihm“, sagte Elias. „Sie gehört Anaxi.“

„Anaxi?“, fragte Marcus. Er hatte sein Notizbuch herausgeholt, obwohl seine Finger fast zu steif waren, um den Stift zu halten. „Dieser Begriff taucht in den prä-akademischen Texten auf. Aber er wird meist als Metapher für 'Chaos' oder 'Entropie' übersetzt.“

„Es ist keine Metapher“, sagte Elias. „Es ist ein Wesen. Eine Ur-Gewalt.“

Er erzählte ihnen, was Jorin ihm gezeigt hatte.

Er erzählte von der Ersten Stadt aus schwarzem Kristall, die auf dem Gipfel der Welt thronte. Er beschrieb den Himmel, der aufriss, und den Regen aus Schatten, der die Realität auflöste. Er beschrieb Elion, jung und verzweifelt, der nicht zum Schwert griff, sondern seine Arme öffnete.

„Er hat die Dunkelheit nicht gerufen“, sagte Elias, und seine Stimme gewann an Festigkeit. „Er hat sich ihr in den Weg gestellt. Er hat sie eingeatmet. Er hat seinen Körper zu einem Gefängnis gemacht, weil es kein Material auf der Welt gab, das sie halten konnte.“

Er blickte in die Runde.

„Denkt nach. Warum sind die Menschen in den Ruinen unten eingefroren? Nicht getötet. Konserviert. Warum hat er uns auf der Brücke nicht vernichtet? Phobos hätte uns wie Insekten zerdrücken können. Aber er hat uns nur... getestet.“

„Getestet wofür?“, fragte Tarek. Er setzte sich mühsam auf, stützte sich auf sein Krummschwert.

„Um zu sehen, ob wir stark genug sind“, sagte Elias. Er fasste das Amulett an. „Um zu sehen, ob ich stark genug bin.“

„Stark genug, um ihn zu töten?“, fragte Lyra. Sie hielt Kael im Arm, dessen wässrige Form im goldenen Licht des Amuletts seltsam friedlich wirkte.

Elias schüttelte den Kopf.

„Stark genug, um ihn abzulösen.“

Die Worte hingen schwer in der dünnen Luft.

Clara war die Erste, die reagierte. Sie lachte auf, ein kurzes, scharfes Geräusch.

„Ablösen? Du meinst... du willst dich da oben hinsetzen? Auf seinen Thron? Und den Wächter spielen?“

„Es ist kein Spiel, Clara“, sagte Elias sanft.

„Das ist Wahnsinn“, sagte sie. Sie stand auf, trat unruhig im Schnee hin und her. „Das Amulett... diese Vision... vielleicht lügt es. Vielleicht ist es ein Trick des Berges. Phobos hat uns auch Dinge gezeigt. Er hat uns gezeigt, was wir fürchten.“

„Phobos hat uns unsere Schwächen gezeigt“, sagte Elias. „Jorin hat mir meine Pflicht gezeigt.“

„Jorin ist tot!“, schrie Clara ihn plötzlich an.

Elias zuckte nicht zusammen. Er sah sie nur an, mit diesem neuen, alten Blick, den er aus der Trance mitgebracht hatte.

„Ja“, sagte er. „Er ist tot. Er ist vor zehn Jahren gestorben, als er hierherkam, um das Amulett zu versiegeln. Er hat seine Seele in das Metall gegeben, als letzten Riegel. Damit Arkan es nicht finden kann.“

Er stand auf. Er ging zu Clara. Sie wich zurück, aber er ließ nicht locker. Er griff nach ihrer Hand. Seine war warm, ihre war eiskalt.

„Mein Vater war kein Feigling, Clara. Und deiner auch nicht.“

Clara erstarrte. „Lass meinen Vater aus dem Spiel.“

„Er wusste es“, sagte Elias. „General Arendelle. Er wusste von dem Gefängnis. Deshalb hat er die Tore von Seraphis geöffnet. Nicht um zu fliehen. Sondern um die Blutlinie zu schützen. Um dich zu schützen. Weil er wusste, dass eines Tages ein Arendelle den Schlüssel bringen muss.“

Er drückte ihre Hand.

„Du hast den Ring gefunden. Du hast die Inschrift gelesen. 'Wir gingen nicht aus Furcht.' Sie waren Wächter, Clara. Tausend Jahre lang haben sie das Geheimnis bewahrt, dass ihr König kein Monster, sondern ein Märtyrer ist.“

Clara starrte ihn an. Tränen sammelten sich in ihren Augen, heiße Tränen der Wut und der Erleichterung, die sich vermischten. Ihr ganzes Leben lang hatte sie unter dem Makel des Verrats gelitten. Sie hatte gekämpft, geblutet, trainiert, nur um diesen Fleck von ihrem Namen zu waschen. Und jetzt sagte Elias ihr, dass es nie einen Fleck gegeben hatte. Dass der Verrat das größte Opfer von allen war.

„Er hat gelogen“, flüsterte sie. „Um ihn zu schützen.“

„Helden brauchen Monster“, sagte Marcus leise von der Seite. Er hatte das Notizbuch sinken lassen. „Wenn die Welt wüsste, dass das Böse nicht besiegt, sondern nur eingesperrt ist... würde sie in Panik geraten. Elion nahm die Schande auf sich, damit die Welt sich sicher fühlen konnte.“

„Ein edles Märchen“, brummte Tarek. Er spuckte in den Schnee. „Aber es ändert nichts an der Lage. Der Prinz ist am Ende. Das Ding – Anaxi – will raus. Und du, Bauernjunge, willst dich ihm in den Weg stellen.“

Tarek sah Elias ernst an.

„Weißt du, was das bedeutet? Das ist kein Heldentod, Elias. Das ist kein sauberer Schnitt. Das ist... Ewigkeit. Im Dunkeln.“

„Ich weiß“, sagte Elias.

Er dachte an die Wärme des Feuers in der Vision. An den Abschied von Jorin.

„Aber ich werde nicht allein sein“, sagte er. Er legte die Hand auf das Amulett. „Jorin ist da drin. Und... ich nehme euch mit.“

„Wie bitte?“, fragte Lyra erschrocken.

„Nicht physisch“, sagte Elias schnell. Er tippte sich an die Stirn. „Hier. Und hier.“ Er tippte auf sein Herz. „Alles, was wir erlebt haben. Der Dschungel. Das Meer. Die Wüste. Solange ich mich daran erinnere... solange ich euch in mir trage... kann die Dunkelheit mich nicht ganz fressen. Ich werde ein Anker sein.“

Er ging in die Mitte des Kreises.

„Das Amulett – das Leere Gefäß – wurde geschaffen, um Energie zu saugen. Es war nie defekt. Es hat nur auf den richtigen Brennstoff gewartet.“

Er blickte sie alle an.

„Ich muss da hochgehen. Und ich muss mich auf diesen Stuhl setzen. Wenn ich es nicht tue, bricht Elion heute Nacht. Und morgen gibt es keine Welt mehr, in der wir leben können.“

Stille legte sich über den Kessel.

Es war keine bedrückende Stille mehr. Es war die Stille der Entscheidung.

Marcus war der Erste, der sich bewegte. Er klappte sein Notizbuch zu. Er steckte es in die Tasche, ordentlich, präzise.

„Die Logik ist... unbestreitbar“, sagte er. Seine Stimme war fest, auch wenn seine Hände immer noch leicht zitterten. „Wenn die Variable 'Anaxi' eine Konstante der Zerstörung ist, und Elion als Variable 'Gefäß' ausfällt, muss eine Ersatzvariable eingeführt werden. Die einzige kompatible Variable... bist du.“

Er rückte seinen Mantel zurecht.

„Ich akzeptiere die Hypothese.“

Lyra stand auf. Sie half Kael, sich aufzurichten. Das Wasserwesen wirkte stabiler, gefestigter durch das goldene Licht, das von Elias ausging.

„Ich habe geschworen, Leben zu schützen“, sagte Lyra. Sie sah Elias traurig an. „Ich dachte immer, das bedeutet, den Tod zu verhindern. Aber vielleicht bedeutet es manchmal, ein Leben zu geben, um viele zu retten.“

Sie trat zu Elias und legte ihre Hand sanft auf seinen Arm.

„Aber es bricht mir das Herz, Elias.“

„Mir auch“, sagte Elias leise.

Tarek lachte. Es war ein kurzes, trockenes Bellen.

„Verdammt noch mal“, sagte der Söldner. „Ich habe mich an dich gewöhnt, Junge. Wer soll mir denn jetzt den Arsch retten, wenn ich mich wieder mit einer Hydra anlege?“

Er klopfte Elias hart auf die Schulter.

„Wenn das dein Weg ist... dann gehen wir ihn bis zur Tür. Ich lasse dich nicht allein durch diesen letzten Meter Schnee stapfen.“

Alle Augen richteten sich auf Clara.

Sie stand immer noch abseits. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, auf das Wappen des Löwen, das auf ihrem Ring schimmerte.

„Du verlangst viel“, sagte sie leise. „Du verlangst, dass ich meinen Bruder aufgebe.“

„Ich verlange, dass du mich gehen lässt“, sagte Elias.

Sie hob den Kopf. Ihre Augen waren trocken, aber dunkel vor Schmerz.

„Mein Vater hat es getan“, sagte sie. „Er hat seinen Freund zurückgelassen. Er hat die Tür zugemacht und den Schlüssel weggeworfen.“

Sie ballte die Faust um den Ring.

„Ich werde die Tür nicht zuschließen, Elias. Ich werde sie offen halten. Solange ich kann.“

Sie trat vor und stellte sich neben ihn.

„Wir bringen dich zum Thron. Aber wenn es einen anderen Weg gibt... wenn es auch nur die kleinste Chance gibt, dass du nicht dort sitzen musst... dann werde ich sie finden. Hörst du?“

Elias nickte. Er wusste, dass es keinen anderen Weg gab. Aber er wollte ihr die Hoffnung nicht nehmen. Hoffnung war das, was sie am Leben hielt.

„Verstanden“, sagte er.

Er drehte sich um. Zum Tor.

Die Festung Nox Aeterna ragte über ihnen auf, schwarz, still, erwartungsvoll. Das Tor war offen, wie ein hungriger Mund.

Elias spürte keine Kälte mehr. Das Amulett wärmte ihn.

Bereit?, fragte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf.

Bereit, dachte Elias.

„Formation“, sagte er laut. „Letztes Stück.“

Sie formierten sich. Nicht mehr als eine Gruppe von Versprengten, die ums Überleben kämpften. Sondern als eine Ehrengarde.

Elias ging voran. Das goldene Licht seines Amuletts schnitt eine Schneise in den grauen Nebel.

Sie verließen den Kessel. Sie betraten die Rampe.

Der Stein unter ihren Füßen wechselte von natürlichem Fels zu behauenem Obsidian.

Sie waren da.

Der Weg vom Kessel zur Festung war keine lange Distanz in Metern, aber eine unermessliche Distanz in Bedeutung.

Sie ließen das letzte natürliche Lager hinter sich, den windgeschützten Felskreis, in dem Elias seinen Frieden mit dem Geist seines Vaters gemacht hatte. Vor ihnen lag die Rampe. Sie bestand nicht aus dem rauen, brüchigen Basalt des Berges, sondern aus glattem, fugenlosem Obsidian, der so perfekt behauen war, dass er selbst im schwachen Sternenlicht wie ein dunkler Spiegel wirkte.

Elias ging voran.

Seine Schritte verursachten kein Geräusch auf dem schwarzen Glas. Es war, als würde der Stein den Schall absorbieren, ihn fressen, bevor er zu einem Echo werden konnte. Er spürte, wie das Amulett auf seiner Brust pulsierte – ein langsamer, stetiger Rhythmus, der nicht mehr hektisch gegen die Kälte ankämpfte, sondern im Einklang mit der Architektur vor ihnen schwang.

Wir sind erwartet, dachte Elias.

Er blickte nach oben.

Nox Aeterna. Die Ewige Nacht.

Aus der Ferne, vom Tal aus, hatte die Festung wie eine Krone ausgesehen, die dem Berg aufgesetzt worden war. Aus der Nähe sah sie aus wie ein Tumor. Die Mauern wuchsen organisch aus dem Fels, geschwungen und massiv, ohne Fenster, ohne Zinnen, ohne jede menschliche Maßstäblichkeit. Sie ragten so hoch auf, dass sie die Sterne verdeckten und einen künstlichen Horizont aus absoluter Schwärze schufen.

Das Tor stand offen.

Zwei Flügel, jeder so hoch wie der Turm der Akademie in Seraphis, klafften auseinander wie der Kiefer eines toten Riesen. Die Oberfläche des Tores war nicht glatt. Sie war bedeckt mit Gravuren.

Marcus, der hinter Elias humpelte, blieb stehen. Er stützte sich schwer auf Tarek, um nicht umzufallen, aber sein Blick war hellwach. Er zog seine Brille – oder das, was von ihr übrig war – aus der Tasche, setzte sie auf die Nase, obwohl ein Glas fehlte.

„Thran'dua“, flüsterte er. Die Ehrfurcht in seiner Stimme ließ das Zittern verschwinden. „Die Ursprache.“

„Was steht da?“, fragte Clara. Sie hielt ihr Schwert gezogen, die blaue Klinge der einzige Farbtupfer in dieser Welt aus Graustufen. Sie scannte den Schatten zwischen den Torflügeln, bereit, alles anzugreifen, was sich bewegte.

„Es ist keine Warnung“, übersetzte Marcus langsam, den Finger in der Luft die Linien nachzeichnend. „Es ist eine... Bestandsaufnahme.“

Er las vor, stockend, als müsste er die Worte aus einem tiefen Brunnen seines Gedächtnisses holen:

„Hier endet der Weg des Fleisches. Hier beginnt der Weg des Willens. Wer eintritt, bringt sein eigenes Licht mit, denn hier gibt es keines.“

„Einladend“, brummte Tarek. Er schob Marcus sanft weiter. „Klingt wie jede Spelunke in der Rost-Ader kurz vor Feierabend.“

Elias ging weiter. Er erreichte die Schwelle.

Es gab keine physische Linie am Boden, aber er spürte sie. Die Luft veränderte sich. Draußen war sie dünn, kalt und bewegt vom Wind. Drinnen, im Schatten des Tores, war sie still. Tot. Sie roch nach Ozon, nach altem Stein und nach etwas Metallischem, das Elias an Blut erinnerte.

Er blieb stehen. Ein Fuß noch auf der Rampe, der andere schwebend über der Dunkelheit der Festung.

Er dachte an Jorin. „Lauf nicht weg.“

Er dachte an Elion. „Ich bin müde.“

Elias setzte den Fuß ab.

Ein Schauer lief über seinen Rücken, der nichts mit Kälte zu tun hatte. Es war das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht von Augen, sondern von der Materie selbst. Die Festung wusste, dass er da war. Das Amulett war der Schlüssel, und er hatte ihn gerade ins Schloss gesteckt.

„Kommt“, sagte er leise. Seine Stimme wurde von der Dunkelheit sofort geschluckt.

Die anderen folgten ihm.

Clara trat als Erste über die Linie, den Kiefer fest zusammengepresst. Tarek folgte, das Gewicht seines Körpers verlagernd, um sein verletztes Bein zu schonen. Marcus stolperte fast, gefangen in der Betrachtung der Architektur.

Zuletzt kamen Lyra und Kael.

Als Kael die Schwelle passierte, geschah etwas.

Das Wasserwesen zischte. Dampf stieg von seiner flüssigen Form auf, als er den Boden der Festung berührte.

„Es... trocken“, gurgelte Kael. Er klammerte sich an Lyra. „Der Stein... er trinkt.“

„Wir sind fast da“, flüsterte Lyra ihm zu, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie weit der Weg noch war. „Halt durch, Kael.“

Sie waren alle drinnen.

Sie standen in einer gewaltigen Vorhalle. Die Decke war im Dunkeln nicht zu erkennen. Vor ihnen erstreckte sich ein Korridor, der in die Tiefe des Berges führte, breit genug, dass eine Armee hindurchmarschieren könnte.

Und dann, ohne Vorwarnung, ohne ein Geräusch von Mechanismen oder Ketten, bewegte sich das Tor.

Die gigantischen Flügel schwangen zu.

Schnell. Zu schnell für Stein dieser Masse.

WUMM.

Das Geräusch war kein Knall. Es war ein Druckschluss. Die beiden Hälften trafen aufeinander und verschmolzen. Die Naht verschwand. Das Sternenlicht war weg.

Absolute Finsternis umhüllte sie.

„Licht!“, rief Clara. Ihre Stimme hatte einen panischen Unterton.

Elias reagierte instinktiv. Er griff an seine Brust.

„Sonne“, befahl er.

Das Amulett gehorchte. Das goldene Licht des Sonnenfragments flutete aus dem Kristall. Es war hell, warm und beständig.

Es erhellte die Gesichter seiner Freunde. Sie sahen bleich aus, gezeichnet, verängstigt. Aber sie waren da.

Und es erhellte den Weg vor ihnen.

Der Korridor führte geradeaus. Aber er war nicht leer.

In den Wänden, eingelassen in Nischen, standen Dinge. Keine Statuen. Schatten.

Sie bewegten sich nicht. Noch nicht.

„Wir sind drin“, sagte Elias. Seine Stimme war ruhig. Die Ruhe des Wächters.

Er blickte den Gang hinunter. Tief in der Ferne, am Ende der Sichtweite, sah er eine Abzweigung. Ein Labyrinth aus Gängen und Hallen.

„Der Thron ist tief unten“, sagte er. „Wir müssen absteigen.“

„Dann steigen wir ab“, sagte Tarek und zog seinen Gürtel fester.

Elias nickte. Er war bereit. Er hatte die Wahrheit gesehen, und er hatte sie akzeptiert.

Er machte den ersten Schritt in die Tiefe von Nox Aeterna.