NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft

KAPITEL 7: Die Pfade der Schatten

Das Schließen des Tores hinter ihnen war wie das Fallen eines Fallbeils.

Einen Moment lang starrten sie alle auf die nahtlose, schwarze Wand, wo eben noch der Ausgang zur Außenwelt gewesen war. Das Sternenlicht war fort. Die Kälte der Todeszone war fort. Was blieb, war eine trockene, stehende Luft, die nach uraltem Staub und Schwefel schmeckte, und eine Dunkelheit, die selbst das Licht von Elias’ Amulett zu ersticken schien.

„Kein Zurück mehr“, sagte Tarek. Seine Stimme war rau, aber seltsam gefasst. Er zog seinen Gürtel enger und überprüfte den Sitz seines Krummschwertes.

Elias drehte sich um. Das Amulett auf seiner Brust leuchtete golden und warf lange, tanzende Schatten in den Gang vor ihnen.

„Der Weg führt nur nach unten“, sagte Elias.

Vor ihnen lag kein gerader Korridor mehr, wie es vom Tor aus den Anschein gehabt hatte. Der breite Zugang zerfaserte nach wenigen Metern. Schwarze Säulen aus Obsidian, die wie versteinerte Baumstämme aussahen, wuchsen aus dem Boden und der Decke und teilten den Raum in Dutzende von schmalen, gewundenen Gängen.

„Das ist keine Architektur“, flüsterte Marcus. Er war nach vorne getreten, Zaras Kompass in der einen Hand, die Karte der Shru h'las in der anderen. Er leuchtete mit einer Lumen-Phiole auf das Papier, aber sein Blick ging hektisch zwischen der Karte und der Realität hin und her.

„Die Karte... sie stimmt nicht“, murmelte er. „Laut den Aufzeichnungen der Ersten Ära sollte hier eine Prozessionsstraße sein. Eine direkte Linie zum Thronsaal.“

Er deutete in das Gewirr aus schwarzen Wänden.

„Das hier ist ein Labyrinth. Ein organisches Labyrinth.“

„Es hat sich verändert“, sagte Elias. Er spürte das Pulsieren des Steins. „Der Berg schützt sich. Er hat die Wege verwuchert, wie Narbengewebe über einer Wunde.“

„Können wir durchbrechen?“, fragte Clara. Sie hob ihr Schwert, Aethelgard, dessen blaues Licht sich in den glatten Wänden spiegelte.

„Nein“, sagte Marcus schnell. „Der Obsidian ist magisch verdichtet. Wenn du hier Gewalt anwendest, riskierst du einen Einsturz. Wir würden lebendig begraben werden.“

Er rückte seine kaputte Brille zurecht.

„Wir müssen navigieren. Ich muss den Luftzug finden. Den magnetischen Fluss.“

Er hielt den Kompass hoch. Die Nadel zitterte, drehte sich langsam, aber stetig.

„Da lang“, sagte Marcus und deutete in einen besonders engen, dunklen Spalt zu ihrer Linken.

„Bist du sicher?“, fragte Tarek skeptisch. „Das sieht aus wie der Hals einer Flasche.“

„Die Nadel lügt nicht“, sagte Marcus, obwohl Schweißperlen auf seiner Stirn glänzten. „Es ist der einzige Weg, der nicht in einer Sackgasse endet. Zumindest... statistisch gesehen.“

„Dann los“, sagte Elias. „Marcus, du führst. Tarek, Clara – ihr deckt die Seiten. Lyra, Kael – in die Mitte. Ich mache das Schlusslicht.“

Sie betraten das Labyrinth.

Schon nach wenigen Schritten schloss sich die Dunkelheit um sie wie eine Faust. Die Wände waren so eng, dass Tarek seine Schultern drehen musste, um hindurchzupassen. Der Boden war uneben, übersät mit scharfkantigen Splittern, die bei jedem Schritt unter ihren Stiefeln knirschten.

Die Stille war bedrückend. Man hörte nur ihren eigenen Atem und das Schaben von Leder auf Stein.

Doch dann hörten sie etwas anderes.

Klick.

Es war leise. Ein trockenes, hartes Geräusch, wie zwei Steine, die aneinandergeschlagen werden.

Clara blieb stehen. Sie hob die Hand.

„Hört ihr das?“, flüsterte sie.

Klick. Klack. Scharr.

Es kam von oben.

Elias leuchtete mit dem Amulett an die Decke. Aber die Decke war zu hoch, verloren in der Schwärze. Er sah nur die glatten Wände, die wie Spiegel wirkten.

„Weitergehen“, drängte Marcus. „Nicht stehenbleiben.“

Sie gingen schneller. Der Gang wand sich, machte scharfe Kurven, führte mal bergab, mal bergauf. Marcus starrte auf den Kompass, murmelte Richtungsangaben.

„Rechts. Jetzt links. Wieder rechts.“

Das Klicken wurde lauter. Es vervielfachte sich. Es war nicht mehr ein einzelnes Geräusch. Es war ein Chor.

Klick-klack-klick-klack.

Es klang wie tausend knöcherne Finger, die auf einer Tischplatte trommelten.

„Sie sind über uns“, sagte Tarek. Er presste sich an die Wand, den Blick nach oben gerichtet. „Im Gebälk. Oder was auch immer hier oben ist.“

„Schatten“, sagte Lyra. Sie drückte Kael an sich. Das Wasserwesen in ihren Armen zitterte, seine Oberfläche kräuselte sich. „Kael spürt sie. Sie sind... kalt.“

Plötzlich blieb Marcus stehen.

Vor ihnen teilte sich der Weg in drei Gänge.

„Verdammt“, fluchte er.

„Wohin?“, fragte Elias von hinten.

Marcus schüttelte den Kompass. „Die Nadel... sie rotiert. Hier ist ein magnetischer Knotenpunkt. Alle drei Wege scheinen richtig zu sein.“

ZISCH.

Ein Tropfen fiel von oben herab. Er landete auf Tareks Schulterplatte.

Es zischte, als würde Säure Metall fressen. Rauch stieg auf.

„Säure!“, brüllte Tarek.

Er blickte nach oben.

Im Licht von Elias’ Amulett, das nun heller aufflammte, sahen sie es.

An der Decke, kopfüber hängend wie riesige Insekten, klebten Schatten.

Sie waren flach, schwarz wie Öl, mit langen, spinnenartigen Gliedmaßen und Mäulern, die aussahen wie offene Wunden.

„Schatten-Kriecher“, rief Marcus entsetzt.

Die Kreaturen lösten sich von der Decke. Sie fielen nicht. Sie glitten die Wände herab, lautlos und schnell.

„Waffen hoch!“, schrie Clara.

Der Hinterhalt im Labyrinth hatte begonnen.

Der erste Schatten-Kriecher landete nicht auf dem Boden. Er landete auf Tareks Rücken.

Der Aufprall war lautlos, als hätte jemand ein schweres, nasses Tuch geworfen, aber die Wirkung war sofortig und entsetzlich. Die Kreatur, die aussah wie ein plattgedrückter Skorpion aus schwarzem Rauch, krallte sich in die Schulterplatte des Söldners. Dort, wo ihre Gliedmaßen das Metall berührten, zischte es. Grauer Dampf stieg auf, und der Geruch von verätztem Eisen füllte den engen Gang.

Tarek brüllte auf. Er versuchte, nach hinten zu greifen, um das Ding abzureißen, aber seine Bewegungsfreiheit war durch die engen Wände und sein verletztes Bein eingeschränkt.

„Runter!“, schrie Clara.

Sie fackelte nicht lange. Mit einer fließenden Bewegung riss sie ihr Schwert Aethelgard hoch und ließ den Knauf wuchtig auf den Rücken des Schattens sausen.

Es gab keinen Aufprall. Der Knauf ging einfach durch die Kreatur hindurch, als bestünde sie aus Nebel.

„Keine Substanz!“, rief Clara panisch. „Phasenverschiebung!“

Der Schatten zog sich zusammen. Er wurde dichter, dunkler. Ein Riss öffnete sich in seiner Mitte – ein Maul voller nadelspitzer Zähne, die nicht aus Rauch, sondern aus purem Obsidian bestanden. Er biss zu. Er biss in Tareks Halsberge.

Das Metall knirschte und gab nach.

„Licht!“, rief Elias. „Wir brauchen Licht, um sie zu binden!“

Er stand am Ende der Formation, den Rücken zur Wand gepresst. Er riss den Schwarzen Handschuh hoch, aber er zielte nicht mit Dunkelheit. Er rief das Auge der Sonne.

„Ashara“, befahl er.

Ein gebündelter Strahl aus gleißendem, weiß-goldenem Licht schoss aus dem Amulett. Er traf den Kriecher auf Tareks Schulter.

Die Kreatur kreischte – ein hohes, statisches Geräusch, das in den Zähnen schmerzte. Unter dem Einfluss des Lichts veränderte sich ihre Konsistenz. Der Rauch erstarrte. Er wurde grau, porös, fest.

„Jetzt!“, schrie Elias.

Clara verstand sofort. Sie drehte das Schwert und stieß zu. Diesmal traf die Klinge auf Widerstand. Sie bohrte sich in den erstarrten Körper der Kreatur. Schwarzer Staub explodierte, als der Schatten zerfiel.

Tarek taumelte vorwärts, keuchend, die Säurespuren auf seiner Rüstung rauchend.

„Danke“, knurrte er.

Aber es war keine Zeit zum Ausruhen.

Von der Decke regnete es Schatten. Dutzende.

„Formation!“, brüllte Clara. „Rücken an Rücken! Schützt Marcus! Er muss den Weg finden!“

Sie drängten sich zusammen. In dem schmalen Gang war kaum Platz für vier Leute, geschweige denn für fünf. Sie standen Schulter an Schulter, eine winzige Insel aus Fleisch und Stahl in einem Meer aus Dunkelheit.

Elias übernahm die Lichtführung. Er feuerte kurze, stakkatoartige Lichtimpulse ab, nicht um zu töten, sondern um die herabfallenden Kreaturen zu materialisieren.

„Fest!“, rief er jedes Mal, wenn er einen traf.

Und Clara und Tarek schlugen zu.

Es war ein blutiger, hektischer Tanz. Aethelgard zog blaue Leuchtspuren durch die Luft, Tareks Krummschwert hackte mit brutaler Präzision. Lyra stand in der Mitte, Kael schützend im Arm, und nutzte ihr Reinigendes Feuer als Schild. Wann immer ein Schatten zu nah kam, flammten ihre Hände grün auf und trieben die Kreatur zurück.

„Marcus!“, schrie Elias über den Lärm des Kampfes. „Wir können das nicht ewig halten! Wohin?“

Marcus kauerte am Boden, mitten im Getümmel. Er hielt Zaras Kompass mit beiden Händen fest, schirmte ihn mit seinem Körper ab.

Die Nadel spielte verrückt. Sie rotierte so schnell, dass sie nur noch ein goldener Fleck war.

„Die magnetischen Felder interferieren!“, rief Marcus verzweifelt. „Die Kreaturen... sie stören das Signal! Sie strahlen eine eigene Resonanz aus!“

Er blickte auf die drei Gänge, die vor ihnen lagen. Links, Mitte, Rechts. Sie sahen alle gleich aus. Schwarze Schlünde, die ins Nichts führten.

„Rate!“, brüllte Tarek, der gerade einen erstarrten Kriecher mit seinem Schild gegen die Wand zerschmetterte.

„Ich rate nicht!“, schrie Marcus zurück. „Raten ist Tod!“

Er schloss die Augen. Er blendete den Lärm aus, das Kreischen, das Zischen der Säure. Er versuchte, das Muster zu sehen.

Das Labyrinth war ein Organismus. Organismen folgten Regeln. Arterien. Venen.

Er spürte einen Luftzug.

Ein winziger, fast unmerklicher Hauch kalter, abgestandener Luft, der sein Gesicht streifte. Er kam nicht aus der Mitte. Er kam auch nicht von rechts.

Er kam von links.

Aber der linke Gang war der schmalste. Er sah aus, als würde er nach wenigen Metern enden.

„Sauerstoffzirkulation“, murmelte Marcus. Er riss die Augen auf.

„Links!“, schrie er. „Der linke Gang! Da ist ein Luftzug!“

„Bist du sicher?“, rief Clara, die einen Kriecher enthauptete.

„Der Luftdruckgradient deutet auf einen größeren Hohlraum hin!“, rief Marcus. „Es ist der einzige Weg, der atmet!“

„Dann los!“, befahl Elias.

Er lud das Amulett auf. Nicht für einen Strahl. Für eine Explosion.

„Augen zu!“, warnte er.

Er entfesselte eine Nova.

Ein kugelförmiger Blitz aus reinem Sonnenlicht breitete sich von ihm aus. Er füllte den gesamten Knotenpunkt.

Die Schatten-Kriecher kreischten im Chor. Dutzende von ihnen wurden gleichzeitig fest, erstarrten in der Luft oder an den Wänden wie Insekten in Bernstein.

„Lauf!“, schrie Elias.

Sie brachen aus der Formation. Clara packte Marcus am Kragen und zerrte ihn in den linken Gang. Tarek humpelte hinterher, das Schwert wild schwingend, um sich den Weg freizuhalten. Lyra schleifte Kael mit sich.

Elias bildete die Nachhut. Er feuerte weiter nach hinten, hielt die erstarrten Schatten auf Distanz, während die Wirkung der Nova nachließ und neue Kreaturen aus der Decke quollen.

Der linke Gang war ein Albtraum.

Er war so eng, dass sie seitwärts gehen mussten. Die Wände aus Obsidian waren hier nicht glatt. Sie waren rau, scharfkantig wie Vulkanglas. Sie rissen an ihrer Kleidung, schnitten in ihre Haut.

„Schneller!“, keuchte Marcus von vorne. „Ich spüre den Luftzug stärker!“

Aber der Gang wurde enger.

„Ich passe nicht durch!“, rief Tarek. Seine breiten Schultern, verstärkt durch die Rüstung, schabten an beiden Wänden gleichzeitig. Er steckte fest.

„Drück!“, rief Clara, die vor ihm war. Sie griff nach seiner Hand und zog.

Von hinten kamen die Klick-Geräusche näher. Die Kriecher hatten sich erholt. Sie strömten in den Gang. Für sie war die Enge kein Hindernis. Sie waren flüssig, solange kein Licht sie traf.

„Elias!“, rief Lyra panisch. „Sie kommen!“

Elias drehte sich um. Er sah die schwarze Flut, die den Gang füllte. Er konnte hier nicht feuern. Wenn er das Amulett benutzte, würde er Tarek und Lyra blenden.

„Tarek, beweg dich!“, brüllte Elias.

„Ich versuche es!“, knurrte der Söldner. Er stemmte die Füße in den Boden. Er atmete aus, machte sich so klein wie möglich. Die scharfen Kanten des Obsidians schnitten durch sein Lederwams, direkt ins Fleisch.

Mit einem hässlichen Reißen löste er sich. Er stolperte vorwärts.

„Weiter!“, trieb Marcus sie an.

Der Gang machte eine scharfe Biegung. Und dann öffnete er sich.

Sie fielen fast aus dem Spalt heraus.

Sie landeten in einem Raum.

Aber es war kein rettender Saal.

Es war eine Sackgasse.

Der Raum war kreisrund, vielleicht zehn Meter im Durchmesser. Die Wände waren glatt und hoch, verschwanden oben in der Dunkelheit.

Es gab keinen Ausgang.

„Nein“, flüsterte Marcus. Er starrte auf den Kompass. „Das ist falsch. Der Luftzug... er war hier.“

Er rannte zur gegenüberliegenden Wand. Er tastete sie ab. Nichts. Glatter, kalter Stein.

„Wir sind gefangen“, sagte Clara. Sie drehte sich zum Eingang um – dem schmalen Spalt, aus dem sie gekommen waren.

Dort quoll bereits der erste Schatten hervor.

„Sie haben uns hergetrieben“, sagte Tarek. Er lehnte sich schwer gegen die Wand, Blut lief an seinem Arm herab. „Wie Vieh in den Schlachthof.“

Elias trat in die Mitte des Raumes.

„Nein“, sagte er. „Das ist kein Schlachthof.“

Er blickte nach oben.

Dort, hoch über ihnen, sah er etwas. Ein schwaches, pulsierendes Glimmen.

Nicht violett. Blau.

„Das Wasser“, sagte Kael plötzlich.

Das Wasserwesen hatte sich von Lyra gelöst. Es stand – oder floss – in der Mitte des Raumes. Sein Kopf war in den Nacken gelegt.

„Ich höre es“, sagte Kael. „Es ist über uns.“

„Was ist über uns?“, fragte Lyra.

„Ein See“, sagte Kael. „Ein gefrorener See.“

Elias verstand.

„Wir sind nicht in einer Sackgasse“, sagte er. „Wir sind am Boden eines Brunnens.“

Die Schatten-Kriecher strömten nun in den Raum. Dutzende. Hunderte. Sie bedeckten den Boden, die Wände. Sie kesselten sie ein.

„Wir können nicht nach oben klettern“, sagte Clara und hob ihr Schwert. „Die Wände sind zu glatt.“

„Wir müssen nicht klettern“, sagte Elias. Er ging zu Kael.

„Kael“, sagte er. „Kannst du es rufen? Kannst du das Wasser rufen?“

Kael sah ihn an. Seine Augen waren nur noch zwei blaue Lichter in einem Gesicht aus Strömung.

„Wenn ich es rufe...“, gurgelte er, „dann kommt es. Aber es wird alles fluten.“

„Besser ertrinken als gefressen werden“, sagte Tarek und trat einen Kriecher zurück, der zu nah kam.

„Tu es!“, rief Elias. „Hol uns hier raus!“

Kael hob seine Arme. Sie wurden lang, dünn, streckten sich zur Decke.

„Ozean“, rief er.

Es war kein Wort. Es war ein Befehl an die Elemente.

Oben, in der Dunkelheit, knackte es.

Ein Geräusch wie ein Peitschenhieb. Dann ein Grollen.

Die Decke bekam Risse. Das blaue Licht wurde heller.

Und dann brach sie.

Tonnen von Eis und Wasser stürzten herab.

„Luft holen!“, schrie Elias.

Die Flutwelle traf sie. Sie traf die Schatten. Sie füllte den Raum in Sekunden.

Elias wurde von den Füßen gerissen. Die Kälte des Wassers war schockierend, raubte ihm den Atem. Er wirbelte herum, sah nichts als Blasen und Trümmer.

Aber die Schatten... die Schatten hassten das Wasser. Er hörte ihr gedämpftes Kreischen, sah, wie sie sich auflösten, wie Tinte, die verläuft.

Das Wasser stieg. Es trug sie nach oben. Durch das Loch in der Decke.

Hinaus aus dem Labyrinth.

Das Wasser war kein Retter. Es war ein zweiter Feind.

Als die Flutwelle sie aus dem engen Schacht nach oben trug, fühlte sich Elias nicht wie ein Schwimmer, sondern wie Treibgut in einer Lawine. Das Wasser war eisig, so kalt, dass es die Luft aus seinen Lungen presste und seine Muskeln augenblicklich in schmerzhafte Krämpfe zwang. Er wirbelte durch die Dunkelheit, stieß gegen Felswände, gegen Körper, gegen Rüstungsteile. Er wusste nicht mehr, wo oben oder unten war. Er wusste nur, dass er atmen musste, aber überall war nur dieses schwarze, gurgelnde Nichts.

Dann durchbrach er die Oberfläche.

Elias schnappte nach Luft. Er sog das Gemisch aus Gischt und kalter Höhlenluft ein, hustete, würgte. Er schlug wild um sich, bis seine Hände auf etwas Festes trafen. Fels. Ein glitschiger, nasser Vorsprung.

Er zog sich hoch. Sein Körper fühlte sich tonnenschwer an, der nasse Mantel wog wie Blei. Er rollte sich auf den Stein und blieb liegen, keuchend, zitternd.

„Clara!“, krächzte er in die Dunkelheit. „Tarek!“

„Hier“, antwortete eine Stimme von links. Es war Clara. Sie klang nass, erschöpft, aber lebendig. „Ich habe Marcus. Er... er hat Wasser geschluckt.“

Ein schweres Husten und Würgen bestätigte ihre Worte.

„Tarek?“, rief Elias.

„Noch da“, grollte es von der anderen Seite. „Aber frag mich nicht, in welchem Zustand. Meine Rüstung rostet mir unterm Arsch weg.“

„Lyra? Kael?“

Stille.

Elias richtete sich auf. Er griff an seine Brust. Das Amulett war nass, aber es funktionierte noch.

„Licht“, flüsterte er.

Ein schwacher, goldener Schein flackerte auf. Er reichte nicht weit, das Wasser in der Luft schluckte die Helligkeit, aber er reichte, um zu sehen, wo sie waren.

Sie befanden sich in einer Grotte.

Es war eine gewaltige, natürliche Höhle im Herzen des Obsidian-Massivs. Der „Brunnen“, aus dem sie gespült worden waren, war nur ein Loch im Boden dieses unterirdischen Sees. Das Wasser war schwarz, ruhig und glatt wie Öl, nur gestört von den Wellen, die ihre Ankunft verursacht hatte.

Und dort, in der Mitte des Sees, trieb etwas.

Ein leuchtender, blauer Fleck.

„Lyra!“, schrie Elias.

Er sah sie. Sie klammerte sich an etwas, das im Wasser trieb. Nein, sie klammerte sich an das Wasser selbst.

Kael hatte keine feste Form mehr. Er war eine Strömung, die Lyra über Wasser hielt. Er war eine Welle, die sie sanft, fast zärtlich, ans Ufer schob.

Sie erreichten den Felsvorsprung. Lyra kroch an Land, nass bis auf die Knochen, ihre weißen Haare klebten ihr im Gesicht wie Seegras. Sie drehte sich sofort um, griff nach dem Wasser.

„Komm raus!“, flehte sie. „Kael, bitte, komm raus!“

Das Wasser vor ihr erhob sich. Es formte sich. Ein Torso, Arme, ein Kopf. Aber es war transparent. Man konnte durch ihn hindurchsehen. Im Inneren seines „Körpers“ wirbelten kleine Luftblasen und Eiskristalle.

Er zog sich an Land. Dort, wo er den Stein berührte, gefror das Wasser sofort. Er hinterließ eine Spur aus Eis.

„Es ist... kalt“, sagte Kael. Seine Stimme kam nicht aus einem Mund, sie vibrierte in der Luft.

„Wir müssen uns wärmen“, sagte Elias. Er stand auf, wankte zu den anderen. „Sofort. Wenn wir hier nass bleiben, sind wir in zehn Minuten tot.“

„Womit?“, fragte Tarek, der sich das Wasser aus den Stiefeln schüttelte. „Hier gibt es kein Holz. Hier gibt es nichts.“

Elias blickte sich um. Tarek hatte recht. Die Grotte war leer. Nackter, nasser Fels.

„Wir haben Magie“, sagte Elias. „Lyra?“

Lyra starrte Kael an. Sie zitterte so heftig, dass ihre Zähne klapperten. „Ich... ich kann nicht. Ich bin leer. Die Kälte... sie hat mein Feuer gefressen.“

Elias ging zu ihr. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie war eisig.

„Nicht du“, sagte er. Er blickte auf das Amulett.

Es war voll. Es hatte die Energie von Phobos auf der Brücke gespeichert (in der alternativen Zeitlinie, nein, in der Realität). Es hatte die Wärme von Jorins Feuer gespeichert.

„Kommt zusammen“, sagte Elias. „Eng zusammen.“

Sie bildeten einen Haufen aus zitternden Leibern. Clara drückte Marcus an sich, Tarek lehnte sich an Elias. Lyra hielt Kael, obwohl er nass war.

Elias legte die Hände auf das Amulett.

„Gib es ab“, befahl er.

Er öffnete das Ventil. Nicht für einen Strahl. Für Strahlung.

Wärme flutete aus ihm heraus. Goldene, trockene Wärme. Sie hüllte die Gruppe ein wie eine Decke. Der Dampf stieg von ihren Kleidern auf, bildete eine kleine Wolke über ihnen.

Es war nicht genug, um sie zu trocknen. Aber es war genug, um das Zittern zu stoppen. Um das Blut wieder fließen zu lassen.

Marcus hustete noch einmal, dann setzte er sich auf. Er wischte sich über die beschlagene Brille.

„Das Wasser“, krächzte er. „Der hydrostatische Druck... er hätte uns zerquetschen müssen. Kael hat... er hat die Dichte manipuliert.“

Er sah das Wasserwesen an.

„Du bist kein Materie-Manipulator mehr, Kael. Du bist ein Elementar.“

Kael, der nun halbwegs stabil in einer menschlichen Form saß, nickte langsam. Wasser tropfte von seiner Nase, seinem Kinn.

„Ich höre das Meer“, sagte er. „Es ist weit weg. Aber es ruft. Es sagt... komm nach Hause.“

„Du bist hier zu Hause“, sagte Lyra scharf. Sie rieb seinen Arm, versuchte, das Wasser zu wärmen. „Bei uns.“

„Ich versuche es“, wiederholte Kael seinen Satz aus dem Labyrinth. Aber er klang schwächer.

Elias spürte, wie das Amulett an Substanz verlor. Er konnte nicht ewig heizen.

„Wir müssen weiter“, sagte er. „Wir müssen den Weg finden. Marcus?“

Marcus griff nach seiner Tasche. Sie war durchnässt. Das Logbuch war ein aufgeweichter Klumpen Papier. Die Karte war ruiniert.

„Alles weg“, flüsterte Marcus. „Die Daten. Die Aufzeichnungen.“

„Der Kompass?“, fragte Clara.

Marcus holte ihn hervor. Er war wasserdicht. Er schüttelte ihn.

Die Nadel drehte sich träge.

„Interferenz“, sagte Marcus. „Aber... sie zeigt eine Tendenz. Osten.“

Er deutete in die Dunkelheit der Grotte, weg vom Wasser.

„Dort muss ein Ausgang sein. Die Luftströmung... der Schall...“

„Dann gehen wir“, sagte Tarek. Er stand auf. Seine Rüstung quietschte. „Ich will weg von diesem verdammten Wasser.“

Sie brachen auf.

Der Weg am Ufer des unterirdischen Sees war rutschig und tückisch. Immer wieder mussten sie über Felsbrocken klettern oder durch knöcheltiefes Wasser waten.

Aber es war ruhig. Die Schatten-Kriecher waren weg. Das Wasser hatte sie vernichtet oder fortgespült.

„Elias“, sagte Clara leise, während sie nebeneinander gingen. „Was hast du vorhin gesagt? Bevor das Wasser kam?“

Elias wusste, was sie meinte. Sein Blick, seine Haltung. Die Veränderung nach der Vision.

„Ich habe gesagt, dass wir Elion nicht töten“, antwortete er.

„Du hast mehr gesagt“, beharrte sie. „Du hast gesagt, wir sind hier, um einen Fehler zu korrigieren. Was meinst du damit?“

Elias blieb stehen. Er leuchtete ihr ins Gesicht. Sie war blass, ihre nassen Haare klebten an ihrer Stirn, aber ihre Augen waren klar. Sie war der Schild. Sie verdiente die Wahrheit.

„Elion ist das Gefäß“, sagte Elias. „So wie ich. Aber er ist voll. Er läuft über. Deshalb brechen die Schatten aus.“

„Und?“, fragte Clara.

„Wenn ein Gefäß voll ist...“, sagte Elias, „muss man ein neues hinstellen.“

Clara verstand. Er sah es in ihren Augen. Das Entsetzen. Die Ablehnung.

„Nein“, sagte sie. „Nein, Elias. Das ist nicht dein Ernst.“

„Es ist die einzige Logik“, sagte Marcus, der das Gespräch gehört hatte. Er humpelte heran. „Das Leere Gefäß. Der Name ist Programm. Es ist nicht dazu da, Macht zu geben. Es ist dazu da, Macht aufzunehmen. Dein Amulett... es ist ein leerer Käfig.“

„Halt die Klappe, Marcus!“, fauchte Clara. Sie packte Elias am Arm. „Du wirst dich nicht opfern. Wir finden einen anderen Weg. Wir... wir binden ihn neu. Oder wir teilen die Last.“

„Man kann die Leere nicht teilen“, sagte Elias sanft. „Einer muss sie tragen. Ganz.“

„Ich lasse das nicht zu“, sagte Clara. „Ich habe geschworen, dich zu beschützen. Meinen Bruder zu beschützen.“

„Du hast mich beschützt“, sagte Elias. „Du hast mich bis hierher gebracht. Aber den letzten Schritt... den muss ich allein gehen.“

„Leute“, sagte Tarek von vorne. „Spart euch das Drama für später. Wir haben ein Problem.“

Sie traten zu ihm.

Der Uferweg endete.

Vor ihnen lag wieder eine Wand aus Obsidian. Aber sie war nicht glatt. Sie war... gebrochen.

Ein riesiger Riss zog sich durch den Fels, von der Decke bis zum Boden. Er war breit genug, um hindurchzugehen, aber er pulsierte.

Ein violettes Licht drang aus dem Inneren. Und ein Geräusch.

Wumm. Wumm.

Der Herzschlag.

„Wir sind nah dran“, sagte Elias. Er spürte den Sog des Amuletts. Es wollte in diesen Riss.

„Das ist kein natürlicher Riss“, sagte Marcus. Er untersuchte die Ränder. „Der Stein ist geschmolzen. Jemand... oder etwas... hat sich hier durchgebrannt.“

„Phobos“, sagte Lyra.

„Oder Elion“, sagte Elias. „Vielleicht versucht er, auszubrechen.“

Er trat in den Riss.

Es war eng. Die Wände waren warm. Unnatürlich warm. Es roch nach Schwefel und Ozon.

Sie gingen hintereinander. Der Gang wand sich wie ein Wurmloch durch den massiven Fels der Festung.

Plötzlich weitete er sich.

Sie traten auf eine Galerie.

Und blickten hinab in eine Halle, die ihnen den Atem raubte.

Es war nicht der Thronsaal. Es war die Schmiede.

Oder das, was davon übrig war.

Riesige Maschinen aus schwarzem Eisen und Kristall standen in der Tiefe, stillgelegt, verrostet. Zahnräder so groß wie Häuser. Hämmer, die in der Luft hingen, eingefroren in der Zeit.

Aber in der Mitte der Halle... da war Bewegung.

Schatten.

Nicht die kleinen Kriecher.

Große Schatten. Humanoide.

Sie standen in Reih und Glied. Hunderte. Eine Armee, die wartete.

„Die Schatten-Garde“, flüsterte Tarek. „Arkans Elite. Sie sind hier.“

„Nein“, sagte Elias. „Das sind keine Menschen in Rüstungen. Das sind... Hüllen.“

Er sah genauer hin. Die Rüstungen waren leer. Es war nur dunkler Rauch darin.

„Sie bewachen den Weg“, sagte Clara. „Der Weg zum Thronsaal führt da durch.“

Sie deutete auf ein gigantisches Tor am anderen Ende der Halle.

„Wir können nicht gegen eine Armee kämpfen“, sagte Marcus. „Nicht in unserem Zustand.“

„Wir müssen nicht kämpfen“, sagte Kael.

Er trat an das Geländer der Galerie. Er hob seine Wasserhand.

„Seht ihr das?“, fragte er.

Er deutete auf den Boden der Halle.

Dort, zwischen den Reihen der Schatten-Soldaten, verliefen Kanäle. Rinnen, die in den Boden gemeißelt waren. Sie waren trocken.

Aber sie bildeten ein Muster.

„Das ist ein Kühlsystem“, sagte Marcus. „Für die Maschinen.“

„Es ist ein Flussbett“, sagte Kael. „Und ich habe Wasser mitgebracht.“

Er drehte sich zu Elias um.

„Ich kann sie wegspülen“, sagte Kael. „Ich kann das Wasser aus dem See holen. Durch den Riss. In die Kanäle.“

„Das wird die ganze Halle fluten“, sagte Lyra entsetzt. „Du wirst dich darin auflösen, Kael. Du wirst dich verteilen.“

Kael lächelte. Es war ein wässriges, trauriges Lächeln.

„Das ist der Weg des Wassers, Lyra. Es fließt. Es verteilt sich.“

Er sah Elias an.

„Du hast deinen Weg, Träger. Ich habe meinen.“

Er stieg auf das Geländer.

„Nein!“, schrie Lyra.

Aber Kael sprang nicht. Er zerfiel.

Er löste sich auf in einen Schwall aus Wasser, der über die Brüstung stürzte. Aber er fiel nicht einfach. Er wurde größer. Er zog Feuchtigkeit aus der Luft, aus dem Stein, aus dem fernen See.

Ein Wasserfall stürzte in die Halle der Schatten.

Und er hatte ein Gesicht. Kaels Gesicht, riesig, brüllend, in der Gischt.

Der Lärm des herabstürzenden Wassers war ohrenbetäubend, ein Grollen, das die steinerne Stille der Festung zerriss.

Elias klammerte sich an das Geländer der Galerie und sah hinab. Er sah, wie die Flutwelle, die Kael gerufen hatte, in die Tiefe der Schmiede stürzte. Sie traf auf den Boden, auf die Kanäle, auf die Armee der leeren Rüstungen.

Es war kein Kampf. Es war eine Naturgewalt.

Die Schatten-Garde, jene stummen Hüllen aus Dunkelheit und Metall, hatten dem Wasser nichts entgegenzusetzen. Die Wucht der Flut riss sie von den Beinen, spülte sie fort wie Spielzeugsoldaten in einem Platzregen. Das Wasser füllte die Rinnen im Boden, schwappte über, bildete einen reißenden Strom, der alles Unreine mit sich riss und gegen die massiven Tore am Ende der Halle drückte.

Dann verebbte die Flut.

Das Wasser lief ab, sickerte in Abflüsse oder Ritzen im Boden, die seit Jahrhunderten trocken gewesen waren. Zurück blieb eine Halle, die glänzte. Nass, schwarz und leer.

„Kael!“, schrie Lyra.

Ihre Stimme brach sich an den hohen Wänden. Sie lehnte sich weit über die Brüstung, ihre Hände krampften sich in den kalten Stein.

Unten, in der Mitte der nassen Ebene, lag etwas.

Es war kein See mehr. Es war eine Pfütze, die versuchte, sich zu erheben.

„Wir müssen runter“, sagte Elias. Er riss den Blick los. „Schnell.“

Sie fanden eine Treppe am Ende der Galerie. Eine schmale Eisenstiege, die an der Wand klebte. Sie hasteten hinab, ihre Schritte hallten laut auf den Metallstufen.

Als sie den Boden der Halle erreichten, war die Luft kalt und feucht. Es roch nach nassem Rost und uraltem Staub, der aufgewirbelt worden war.

Sie rannten zu der Stelle, wo Kael lag.

Er hatte seine Form wiedergefunden, aber sie war instabil. Er lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Sein Körper war durchscheinend, wie Glas, das kurz vor dem Schmelzen steht. In seinem Inneren wirbelten kleine Blasen und Schlieren.

Lyra warf sich neben ihm in den Matsch.

„Kael“, flehte sie. Sie berührte sein Gesicht. Ihre Hand ging fast hindurch, fand kaum Widerstand. „Bleib fest. Bitte, bleib fest.“

Kael blinzelte. Seine Augen waren zwei helle, wässrige Punkte.

„Ich bin... noch hier“, flüsterte er. Seine Stimme klang feucht, gurgelnd. „Das Wasser... es wollte mich mitnehmen. Aber ich habe mich festgehalten.“

„Woran?“, fragte Tarek, der schwer atmend neben ihnen stand.

Kael drehte den Kopf leicht zu Lyra.

„An dir.“

Lyra schluchzte auf. Sie legte ihre Hände auf seine Brust, ließ ihr Reinigendes Feuer glimmen – ganz schwach, nur eine sanfte Wärme, um ihm Energie zu geben, ohne ihn zu verdampfen.

„Du Idiot“, weinte sie. „Du verdammter Held.“

„Ist der Weg frei?“, fragte Marcus. Er stand etwas abseits, den Blick auf das Tor am Ende der Halle gerichtet. Er wirkte unruhig, zupfte an seiner nassen Robe. „Die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Angriffs steigt mit jeder Sekunde, die wir hier verweilen.“

Elias stand auf. Er blickte sich um. Die Halle war leer gefegt. Die Rüstungen der Schatten-Garde lagen verstreut in den Ecken, zerbeult, leblos. Der Rauch, der sie beseelt hatte, war fortgewaschen.

„Der Weg ist frei“, sagte Elias. „Aber wir müssen uns beeilen. Kaels Kraft hat uns Zeit erkauft, aber nicht viel.“

Er ging zu Tarek.

„Kannst du ihn tragen?“, fragte Elias. „Lyra ist zu schwach.“

Tarek blickte auf den halflüssigen Magier. Er verzog das Gesicht.

„Einen Eimer Wasser tragen?“, brummte er. „Das wird eine Sauerei.“

Aber er bückte sich. Er zog seinen Mantel aus, breitete ihn im Schlamm aus.

„Roll ihn drauf“, sagte er zu Lyra. „Wir machen eine Trage. Wenn ich ihn so anfasse, läuft er mir durch die Finger.“

Vorsichtig, als wäre Kael aus zerbrechlichem Porzellan, schoben sie ihn auf den Mantel. Tarek nahm zwei Ecken, Elias die anderen zwei.

„Er ist leicht“, stellte Elias fest.

„Zu leicht“, sagte Tarek düster.

Sie hoben ihn an. Kael stöhnte leise, als sein Körper sich den Falten des Stoffes anpasste.

„Vorwärts“, sagte Elias.

Sie durchquerten die Schmiede.

Es war ein Marsch durch einen Friedhof der Giganten. Links und rechts ragten die toten Maschinen auf, schwarze Kolosse aus Eisen und Kristall, die im Licht von Elias’ Amulett gespenstische Schatten warfen.

Marcus ging neben der Trage. Er konnte nicht anders; sein Blick wanderte über die Maschinen, analysierte, kategorisierte.

„Das sind keine Waffen“, murmelte er. Er strich im Vorbeigehen über ein riesiges Zahnrad, das halb im Boden versunken war. „Das sind... Filter.“

„Filter wofür?“, fragte Clara, die die Vorhut bildete, das Schwert immer noch gezogen.

„Für Energie“, sagte Marcus. Er blieb kurz stehen, wischte den Schlamm von einer Inschrift an einer Säule. „Diese Halle... sie war nicht dazu da, Dinge herzustellen. Sie war dazu da, Dinge zu reinigen. Die Energie, die aus dem Berg kam... sie wurde hier gefiltert, bevor sie in die Stadt geleitet wurde.“

Er blickte zu Elias.

„Elion hat die Dunkelheit nicht nur eingesperrt. Er hat versucht, sie nutzbar zu machen. Er hat versucht, die Energie von Anaxi in Licht umzuwandeln.“

„Hat es funktioniert?“, fragte Elias.

„Sieh dich um“, sagte Marcus trocken und deutete auf die verrosteten, zerstörten Maschinen. „Die Entropie war zu hoch. Das System ist kollabiert. Er hat versucht, ein schwarzes Loch als Batterie zu benutzen.“

„Er wollte helfen“, sagte Elias leise. „Er wollte, dass sein Opfer einen Sinn hat.“

Sie erreichten das Tor am Ende der Halle.

Es war massiv, aus demselben schwarzen Metall wie die Maschinen. Aber es war nicht verschlossen. Die Flutwelle hatte es aus den Angeln gedrückt. Die Flügel hingen schief, verbogen, und gaben einen Spalt frei, der breit genug war, um hindurchzugehen.

Dahinter lag Dunkelheit. Aber keine leere Dunkelheit.

Ein schwaches, pulsierendes Licht drang aus dem Spalt. Und ein Geräusch.

Ein Flüstern.

Tausend Stimmen, die durcheinander redeten, leise, eindringlich, ohne Pause.

Clara blieb vor dem Spalt stehen. Sie senkte das Schwert.

„Hört ihr das?“, fragte sie.

„Stimmen“, sagte Tarek. „Viele Stimmen.“

„Nicht Stimmen“, korrigierte Lyra. Sie ging neben der Trage, ihre Hand auf Kaels Stirn. „Erinnerungen.“

Elias trat vor. Er spürte es auch. Das Amulett auf seiner Brust wurde warm, reagierte auf die Nähe zu dem, was dahinter lag.

Er wusste aus seiner Vision mit Jorin, was jetzt kam.

„Das sind die Hallen der Erinnerung“, sagte Elias. „Das Archiv von Elion.“

Er drehte sich zu den anderen um.

„Wir müssen da durch. Es ist der einzige Weg zum Thronsaal. Aber ich warne euch... was ihr dort seht, ist nicht real. Und doch ist es wahr.“

„Was meinst du?“, fragte Marcus.

„Elion hat nicht nur Seelen eingefroren“, sagte Elias. „Er hat die Zeit eingefroren. Momente. Gefühle. Die Geschichte der Welt, bevor sie zerbrach.“

Er blickte Marcus an.

„Du suchst nach Wissen, Marcus. Dort drinnen... dort ist alles Wissen der Ersten Ära. Aber lass dich nicht fangen. Wir dürfen nicht stehenbleiben.“

Marcus schluckte. Er umklammerte seine Tasche. Die Verlockung war groß. Größer als die Angst.

„Ich werde... ich werde nur beobachten“, sagte er.

„Und ihr“, sagte Elias zu Tarek und Clara. „Ihr werdet Dinge sehen, die wehtun. Schlachten. Verrat. Liebe. Es sind Elions Erinnerungen. Sie sind stark.“

„Wir haben unsere eigenen Erinnerungen“, sagte Clara fest. „Wir brauchen seine nicht.“

„Gut“, sagte Elias.

Er nickte Tarek zu. Gemeinsam hoben sie die Trage mit Kael an.

„Dann lasst uns durch die Vergangenheit gehen“, sagte Elias. „Um die Zukunft zu retten.“

Sie traten durch den Spalt.

Der Boden unter ihren Füßen veränderte sich. Er war nicht mehr aus Metall oder Stein. Er war aus Eis.

Und die Wände... sie begannen zu leuchten.

Der Korridor hinter dem aufgebrochenen Tor der Schmiede war kein gewöhnlicher Gang. Er war eine Schleuse.

Während in der Halle hinter ihnen noch der Geruch von nassem Rost und das leise Gurgeln des ablaufenden Wassers die Luft erfüllten, herrschte hier eine absolute, sterile Stille. Der Boden unter ihren Stiefeln wechselte von dem glitschigen, schlammbedeckten Metall der Maschinenhalle zu einem reinen, weißen Stein, der so glatt war, dass er wie gefrorene Milch aussah.

Elias und Tarek trugen die provisorische Trage mit Kael. Der Mantel, auf dem der Wassermagier lag, war durchnässt, schwer und kalt. Kael selbst war still geworden. Er hatte die Augen geschlossen, sein Körper zitterte in einem feinen, unregelmäßigen Rhythmus, als würde die Kohäsion seiner Gestalt mit jedem Herzschlag kämpfen.

„Halt durch“, flüsterte Lyra, die neben der Trage ging, ihre Hand fest auf Kaels flüssiger Schulter. „Wir sind gleich da. Elias sagt, es ist der einzige Weg.“

„Der Weg wohin?“, fragte Marcus. Er ging am Ende der Gruppe, humpelnd, aber mit einem Blick, der wieder scharf und analytisch war. Er hatte die Panik des Labyrinths in eine Kiste in seinem Kopf gesperrt, versiegelt mit dem Wachs der Notwendigkeit. „Die architektonische Struktur ändert sich radikal. Wir verlassen den funktionalen Bereich der Festung.“

Er strich im Gehen über die Wand.

„Kein Obsidian mehr“, stellte er fest. „Das hier ist Alabaster. Oder etwas Ähnliches. Ein Material, das Licht leitet, nicht schluckt.“

Tatsächlich wurde es heller.

Es war kein Sonnenlicht und auch nicht das goldene Glimmen von Elias’ Amulett. Es war ein fahles, diffuses Leuchten, das direkt aus dem Stein zu kommen schien. Die Wände begannen zu schimmern, erst grau, dann in einem blassen Blau, das an Gletschereis erinnerte.

Elias spürte, wie das Amulett auf seiner Brust reagierte. Es wurde nicht heißer, es wurde ruhiger. Der wilde Puls, der ihn durch das Labyrinth getrieben hatte, verlangsamte sich zu einem ehrfürchtigen Takt.

Erinnerung, dachte er. Wir betreten das Gedächtnis.

Der Gang weitete sich. Die Decke hob sich an, verlor sich in einem nebligen Dunst.

Und dann standen sie vor dem Eingang.

Es war kein Tor mit Flügeln und Scharnieren. Es war ein hoher, spitzbogiger Durchgang, der aussah wie das Auge einer Nadel. Aber der Bogen war nicht aus Stein gemauert. Er war aus reinem, klarem Eis gewachsen.

Und in diesem Eis bewegte sich etwas.

Schatten. Bilder. Gesichter.

Sie huschten über die Oberfläche des Bogens wie Fische unter einer gefrorenen Oberfläche. Man konnte sie nicht fixieren. Sobald man hinsah, verschwammen sie, wurden zu etwas anderem. Ein Lachen, das zu einem Schrei wurde. Ein Kuss, der zu einem Schlag wurde.

„Die Hallen der Erinnerung“, sagte Elias.

Er setzte die Trage ab. Tarek tat es ihm gleich, stöhnte leise und massierte sich den unteren Rücken.

„Das sieht nicht aus wie ein Ort, an dem man willkommen ist“, brummte der Söldner. Er starrte misstrauisch auf die wirbelnden Bilder im Eis. „Das sieht aus wie ein Ort, an dem man den Verstand verliert.“

„Es ist ein Archiv“, sagte Marcus. Er trat vor, fasziniert. Er zog seine kaputte Brille ab, putzte sie an seinem schmutzigen Ärmel und setzte sie wieder auf. „Elion hat die Geschichte konserviert. Nicht in Büchern. In... Energie.“

„Wir müssen da durch“, sagte Elias. „Der Thronsaal liegt dahinter.“

Er blickte zu Kael hinab.

Der Wassermagier öffnete die Augen. Sie waren trüb, milchig.

„Ich höre sie“, flüsterte Kael. Seine Stimme war kaum mehr als ein Plätschern. „Tausend Stimmen. Tausend Jahre. Sie sind laut.“

„Kannst du es ertragen?“, fragte Elias.

Kael lächelte schwach. „Wasser speichert alles, Elias. Jeden Stein, den es umspült hat. Ich bin es gewohnt.“

Lyra kniete sich neben ihn. „Ich helfe dir. Ich halte dir die Ohren zu, wenn es zu laut wird.“

„Nein“, sagte Kael. „Wir müssen zuhören. Vielleicht... vielleicht lernen wir, warum wir hier sind.“

Clara trat an Elias’ Seite. Sie hatte ihr Schwert weggesteckt. Hier, an diesem Ort, wirkte Stahl nutzlos.

„Bist du bereit?“, fragte sie.

Elias blickte sie an. Er sah die Erschöpfung in ihrem Gesicht, die dunklen Ringe unter ihren Augen, die Strähnen, die ihr ins Gesicht hingen. Aber er sah auch die Entschlossenheit. Sie war immer noch der Schild. Und sie würde mit ihm gehen, egal wohin.

„Ich bin bereit“, sagte er.

Er griff nach der Trage.

„Hebt an.“

Sie hoben Kael hoch.

Elias machte den ersten Schritt auf den Eisbogen zu.

Die Kälte, die von dem Tor ausging, war nicht körperlich. Sie war emotional. Eine Welle aus Traurigkeit schwappte über ihn, so tief und schwer, dass ihm die Knie weich wurden. Er spürte den Verlust von Dingen, die er nie besessen hatte. Er spürte die Einsamkeit eines Mannes, der tausend Jahre gewartet hatte.

Elion, dachte er. Ich sehe dich.

Er trat durch den Bogen.

Das Licht verschlang sie.

Die Wände des Korridors fielen zurück. Der Boden unter ihren Füßen wurde durchsichtig, als würden sie auf Wasser gehen. Um sie herum, über ihnen, unter ihnen, entfaltete sich die Geschichte der Welt.

Sie waren nicht mehr in der Festung. Sie waren in der Zeit.

Und vor ihnen, am Ende dieser endlosen Galerie aus gefrorenen Momenten, wartete die Wahrheit.