NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 8: Die Hallen der Erinnerung
Der Übergang von der groben, industriellen Schwärze der Schmiede in die Hallen der Erinnerung war wie der Schritt von einer lauten Straße in eine Kathedrale während eines Schneesturms.
Das Tor aus reinem Eis, das sie durchschritten hatten, schloss sich nicht hinter ihnen, aber die Welt, die sie zurückließen, schien sofort zu verblassen. Der Geruch nach Rost und altem Blut verschwand, ersetzt durch eine Luft, die so rein, kalt und dünn war, dass sie in den Lungen brannte wie eingeatmetes Licht.
Elias setzte seinen Fuß auf den Boden.
Er erwartete das harte Klicken von Stiefeln auf Stein, aber das Geräusch, das entstand, war ein helles, melodisches Pling, wie der Anschlag einer Saite. Er blickte nach unten.
Sie gingen nicht auf Stein. Sie gingen auf einem gefrorenen Fluss aus Zeit. Der Boden war durchscheinend, tiefblau und von feinen, silbernen Rissen durchzogen, die unter der Oberfläche pulsierten.
„Licht aus“, flüsterte Marcus.
Er stand neben Elias, die Augen weit aufgerissen hinter seiner kaputten Brille. Er griff nach Elias’ Arm und drückte die Hand, die das Amulett hielt, sanft nach unten.
„Wir brauchen dein Licht hier nicht“, sagte Marcus. „Sieh.“
Elias drosselte die Energie des Amuletts. Das goldene Leuchten zog sich zurück.
Dunkelheit fiel über sie – für den Bruchteil einer Sekunde.
Dann begannen die Wände zu erwachen.
Es waren keine Mauern im architektonischen Sinn. Es waren massive, vertikale Gletscher, die sich links und rechts des Weges in eine Höhe erhoben, die im Dunst nicht auszumachen war. Und in diesem Eis... brannte Feuer.
Kein heißes Feuer. Kaltes, weißes Erinnerungsfeuer.
Bilder flackerten auf. Tausende. Millionen. Sie bewegten sich, überlappten sich, flossen ineinander wie Tinte im Wasser.
„Die Chroniken“, hauchte Clara. Sie hatte Aethelgard, ihr Schwert, gesenkt. Die blaue Klinge der Waffe summte leise, als würde sie die Umgebung erkennen. „Die Akademie hat immer behauptet, das Wissen der Ersten Ära sei verloren gegangen. Verbrannt im Krieg.“
„Nichts geht verloren“, sagte Kael.
Er lag auf der Trage, die Tarek und Elias nun abgesetzt hatten. Sein Körper war instabil, eine menschenähnliche Form aus Wasser, die mühsam zusammengehalten wurde. Aber hier, in dieser Halle, wirkte er fester. Das Eis um sie herum stabilisierte ihn.
„Wasser vergisst nicht“, sagte Kael. Seine Stimme war klarer als zuvor. „Und Eis ist das Gedächtnis des Wassers.“
Er hob eine Hand und deutete auf die linke Wand.
„Seht.“
Die Gruppe drehte sich um.
Das Eis an der Wand klärte sich. Der Nebel darin wirbelte und formte eine Szene, die so scharf und real war, als würden sie durch ein Fenster blicken.
Sie sahen eine Stadt.
Aber es war nicht das ruinierte Seraphis. Es war eine Stadt aus Licht und Kristall, die auf einem Berggipfel thronte – genau hier, wo jetzt die schwarze Festung stand. Türme aus weißem Stein schraubten sich in einen Himmel, der so blau war, dass es schmerzte.
Menschen gingen durch die Straßen. Sie trugen keine Waffen. Sie trugen Roben, die wie flüssiges Metall schimmerten. Sie lachten. Kinder spielten auf Plätzen, auf denen Brunnen sprudelten, die der Schwerkraft trotzten.
„Das Goldene Zeitalter“, sagte Marcus ehrfürchtig. Er trat näher an das Eis heran, als wollte er hindurchgreifen. „Die Ära vor dem Riss. Bevor die Magie in Schulen gezwängt wurde.“
„Sie sehen glücklich aus“, sagte Lyra leise. „Sie haben keine Ahnung, was kommt.“
Das Bild veränderte sich. Die Perspektive zoomte hinein.
Sie sahen einen jungen Mann.
Er stand auf einem Balkon und blickte über die Stadt. Er trug schlichte Kleidung, aber seine Haltung verriet ihn. Er war königlich. Sein Haar war schwarz wie Rabenfedern, seine Augen grau wie ein stürmischer Himmel.
„Elion“, sagte Elias.
Es war derselbe Mann, den er in der Vision seines Vaters gesehen hatte. Aber hier war er nicht verzweifelt. Er war... ruhig. Nachdenklich.
Neben ihm stand eine Frau. Sie hatte goldenes Haar und lachte über etwas, das er gesagt hatte. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Valeria“, flüsterte Elias. Den Namen kannte er aus Jorins Erzählung.
Im Eis sah er, wie Elion die Hand der Frau nahm und sie an seine Lippen führte. Der Blick, den er ihr zuwarf, war so voller Liebe und Hingabe, dass Elias sich fast wie ein Eindringling fühlte.
„Er war ein Mensch“, sagte Tarek. Der Söldner stand breitbeinig da, die Arme verschränkt, und starrte finster auf das idyllische Bild. „Kein Monster. Kein Gott. Einfach ein Mann, der verliebt war.“
„Das macht es schlimmer“, sagte Clara. „Monster zu töten ist einfach. Aber einen Mann...“
Das Bild flackerte. Risse zogen sich durch den idyllischen Himmel der Erinnerung.
Dunkle Wolken zogen auf. Nicht am Himmel der Stadt, sondern im Eis selbst. Die Szene verdunkelte sich.
Der junge Elion auf dem Balkon ließ die Hand der Frau los. Er blickte nach oben. Sein Gesichtsausdruck wechselte von Liebe zu nacktem Entsetzen.
Er sah etwas, das die anderen Menschen in der Stadt noch nicht sahen.
„Er hat es kommen sehen“, analysierte Marcus. „Er war ein Seher. Oder ein Sensibler. Er hat den Riss gespürt, bevor er sich öffnete.“
Die Szene wechselte abrupt.
Kein Balkon mehr. Ein Ratssaal.
Männer und Frauen in prunkvollen Gewändern schrien aufeinander ein. Elion stand in der Mitte. Er gestikulierte wild. Er flehte. Aber sie hörten ihm nicht zu. Sie lachten ihn aus oder wandten sich ab.
„Sie haben ihm nicht geglaubt“, sagte Elias. Er spürte eine Welle der Frustration, die nicht seine eigene war. Sie strahlte aus dem Eis ab. Elions Frustration. Konserviert über Jahrtausende.
„Kassandra-Komplex“, murmelte Marcus. „Die Tragödie des Wissenden, der als Narr abgetan wird.“
„Er war allein“, sagte Lyra. Sie hatte ihre Hand auf das Eis gelegt, dort wo Elions Bild war. „Schon damals. Mitten unter Menschen war er allein.“
Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung. Sie konnten nicht stehenbleiben. Der Sog des Ganges zog sie weiter, tiefer in die Geschichte hinein.
Mit jedem Schritt, den sie taten, wurden die Bilder dunkler.
Die weiße Stadt bekam Risse. Die Brunnen versiegten. Die Menschen auf den Straßen lachten nicht mehr; sie tuschelten, blickten ängstlich zum Himmel.
Dann kam der Krieg.
Das Eis zeigte keine heroischen Schlachten. Es zeigte Gemetzel.
Schattenwesen, die aus Rissen im Boden krochen. Menschen, die rannten, fielen, schrien. Feuer, das nicht rot, sondern violett brannte und Stein fraß.
Und immer wieder Elion.
Er kämpfte.
Nicht mit einem Schwert. Mit Licht. Er stand auf den Mauern der Stadt, ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Er warf Barrieren auf, heilte Verwundete, verbrannte die Schatten.
Aber er wurde müde.
Elias sah es in seinem Gesicht. Die Ringe unter den Augen. Die Art, wie seine Hände zitterten.
„Er verliert“, sagte Tarek. Er kannte diesen Blick. Den Blick eines Soldaten, der weiß, dass die Stellung nicht zu halten ist. „Er gewinnt Schlachten, aber er verliert den Krieg. Es sind zu viele.“
„Es ist nicht die Anzahl“, sagte Elias. „Es ist die Quelle.“
Er zeigte auf eine neue Szene.
Der Himmel über der Stadt riss auf.
Ein Loch. Ein schwarzes, pulsierendes Loch, das größer war als der Berg selbst.
Anaxi.
Die Ur-Leere drückte sich in die Welt. Sie hatte keine Form, aber sie hatte einen Willen. Sie wollte nicht erobern. Sie wollte auslöschen.
Elias blieb stehen. Er starrte auf das Loch im Himmel der Erinnerung. Er spürte die Kälte, die davon ausging, bis in seine Knochen.
„Das ist es“, sagte er. „Das ist der Feind. Nicht Elion. Das Ding da oben.“
„Wie bekämpft man ein Loch?“, fragte Clara.
„Gar nicht“, sagte Marcus. „Man kann Nichts nicht töten. Man kann es nur füllen.“
Die Szene im Eis wechselte ein letztes Mal für diesen Abschnitt des Ganges.
Der Turm.
Elion stand ganz oben. Allein. Die Stadt unter ihm brannte. Die Menschen waren tot oder geflohen. Valeria war fort – Elias erinnerte sich an die Vision im Feuer, an ihren Tod, aber hier im Eis war sie einfach nicht mehr da.
Elion breitete die Arme aus.
Er sah direkt in das schwarze Loch. Und er weinte.
Aber es waren keine Tränen der Angst. Es waren Tränen des Abschieds.
Er rief die Dunkelheit.
Die Gruppe sah zu, wie der schwarze Rauch in ihn hineinfuhr. Wie sein Körper sich veränderte. Wie seine Haut grau wurde, seine Adern schwarz. Wie er schrie, aber nicht zusammenbrach.
Er wurde zum Gefäß.
Das Eis um dieses Bild herum war gesprungen, als hätte der Schmerz des Augenblicks das Medium selbst beschädigt.
„Er hat sich geopfert“, flüsterte Lyra. Sie weinte offen. „Er hat sich selbst zur Hölle gemacht, damit der Himmel bleiben kann.“
„Und wir dachten, er sei der Teufel“, sagte Tarek. Er nahm seinen Helm ab – eine Geste, die er selten zeigte. Er starrte auf den jungen Mann im Eis, der gerade sein Leben wegwarf. „Vergib mir, Prinz. Ich habe dich falsch eingeschätzt.“
Elias wandte sich von der Wand ab. Er blickte den Gang hinunter, der sich in der Ferne verlor.
„Das war erst der Anfang“, sagte er. „Das war der Tag des Opfers. Aber er ist seit tausend Jahren dort oben.“
Er griff nach der Trage.
„Wir müssen weiter. Wir müssen sehen, was aus ihm geworden ist.“
Sie gingen weiter.
Die Hallen der Erinnerung waren noch lange nicht zu Ende. Und die Bilder, die nun folgten, waren nicht mehr heroisch. Sie waren das Protokoll einer Ewigkeit im Dunkeln.
Die Stille in der Galerie war nicht leer. Sie war schwer, gefüllt mit dem Nachhall von Tausenden von Jahren, die im Eis konserviert waren.
Elias ging langsam weiter, den Blick starr auf die rechte Eiswand gerichtet. Die Bilder dort bewegten sich nicht hektisch wie in einem Traum, sondern flossen träge, wie Sirup. Sie zeigten keine Schlachten mehr. Sie zeigten die Zeit danach.
Er sah Elion.
Der Prinz kniete in einem Raum aus schwarzem Stein – dem frühen Thronsaal, bevor er von der Dunkelheit zerfressen war. Er war allein. Seine Hände waren in den Boden gekrallt, sein Rücken bog sich durch, als würde eine unsichtbare Last ihn zu Boden drücken.
Aber es war nicht nur ein Bild.
Als Elias näher trat, hörte er es.
Ein leises Wimmern.
Es kam direkt aus dem Eis. Es war kein physischer Schall, der seine Ohren erreichte, sondern eine Vibration, die direkt auf seine Knochen übergriff.
„Es ist so laut“, flüsterte die Stimme im Eis. „Warum ist es so laut?“
„Hört ihr das?“, fragte Elias.
„Ich höre nichts“, sagte Tarek. Der Söldner ging mit zusammengebissenen Zähnen, den Blick stur geradeaus gerichtet, als wollte er dem Eis verbieten, ihm etwas zu zeigen. „Nur das Knirschen meiner Stiefel.“
„Ich höre es“, sagte Kael.
Der Wassermagier lag auf der Trage, die Tarek und Elias nun wieder aufgenommen hatten. Seine Augen waren weit geöffnet, wässrig und glasig. Er starrte nicht auf die Wand, sondern durch sie hindurch.
„Er spricht mit dem Wasser“, murmelte Kael. „Er erzählt dem Eis, was er fühlt, damit er es nicht vergisst.“
Die Gruppe ging weiter.
Die Szenen im Eis wurden dunkler. Die strahlende Stadt der Ersten Ära war verschwunden. Jetzt zeigte das Eis nur noch den Berg. Und die Einsamkeit.
Sie sahen Elion, wie er durch leere Gänge wanderte. Er war gealtert. Sein Haar war nicht mehr schwarz, sondern grau. Seine Haut war fahl.
Er sprach mit Schatten.
Elias sah, wie der Elion im Eis die Hand ausstreckte und eine leere Stelle in der Luft streichelte. Er lächelte, aber es war ein Lächeln, das einem das Herz brechen konnte.
„Er halluziniert“, analysierte Marcus leise. Er ging nah an der Wand, das Notizbuch in der Hand, und versuchte, die Lippenbewegungen des Prinzen zu lesen. „Isolations-Syndrom. Das Gehirn erzeugt Reize, um den Wahnsinn der Stille zu kompensieren. Er... er sieht Valeria.“
„Er hat sie erschaffen“, sagte Lyra. Sie ging neben der Trage, ihre Hand auf Kaels Schulter. „Aus seiner Erinnerung. Damit er nicht allein ist.“
Clara blieb abrupt stehen.
„Dort“, sagte sie und deutete auf eine Nische in der Eiswand.
Dort war kein Bild von Elion.
Dort war ein Bild von einer Gruppe Männer und Frauen in Rüstungen. Sie standen im Schnee, vor einem verschlossenen Tor. Sie hämmerten dagegen. Sie schrien.
Und einer von ihnen trug das Wappen des Löwen auf dem Schild.
„Goran“, flüsterte Clara.
Sie trat an das Eis heran. Sie legte ihre behandschuhte Hand auf die kalte Oberfläche, direkt über das Gesicht ihres Vorfahren.
Im Eis sah sie, wie Goran das Schwert senkte. Wie er sich umdrehte, zu seinen Leuten. Wie er den Kopf schüttelte.
Sie hörte seine Stimme, dünn und verzerrt durch die Jahrtausende.
„Er macht nicht auf. Er schützt uns vor sich selbst.“
Das Bild veränderte sich. Goran setzte sich in den Schnee. Er nahm seinen Helm ab. Er begann zu schreiben. In ein Buch aus Metall.
„Er ist hier gestorben“, sagte Clara. Tränen liefen über ihr Gesicht, aber sie wischte sie nicht weg. „Er hat gewartet. Bis er erfroren ist.“
„Er war der erste Wächter“, sagte Elias.
Er spürte eine tiefe Verbundenheit zu diesem Mann im Eis. Goran hatte vor der Tür gewartet, ohne zu wissen, ob es etwas bringt. Genau wie sie jetzt.
„Wir müssen weiter“, sagte Tarek rau. „Wenn wir hier stehenbleiben und Geister anglotzen, enden wir wie er.“
Sie setzten die Trage wieder in Bewegung.
Der Gang schien kein Ende zu nehmen. Aber die Atmosphäre veränderte sich.
Die Bilder wurden chaotischer. Risse zogen sich durch die Szenen. Elions Gesicht war oft verzerrt, überlagert von Schatten, von schwarzem Rauch, der aus seinen Augen und seinem Mund quoll.
„Der Kampf“, sagte Marcus. „Die Eindämmung versagt. Anaxi wird stärker.“
Plötzlich bäumte sich Kael auf der Trage auf.
Er schrie nicht. Er keuchte. Wasser schwappte von seinem Körper, tropfte auf den Boden.
„Was ist los?“, rief Lyra.
„Wir sind nicht allein“, presste Kael hervor.
Er deutete nach vorne.
Am Ende der Galerie, dort wo das Eis in Dunkelheit überging, stand etwas.
Es war kein Mensch. Es war kein Schatten.
Es war ein Spiegelbild.
Aus dem Eis löste sich eine Gestalt. Sie sah aus wie Elion. Aber sie bestand aus gefrorenem Wasser, klar und hart wie Diamant.
Sie trat ihnen in den Weg. Sie hatte keine Waffe. Sie hob nur die Hand.
„Keinen Schritt weiter“, sagte die Eisgestalt. Die Stimme hallte von allen Wänden gleichzeitig wider.
„Ein Abwehrmechanismus?“, fragte Tarek und griff nach seinem Schwert.
„Nein“, sagte Elias. Er spürte das Amulett pulsieren. „Das ist eine Erinnerung, die fest geworden ist. Elions letzter Befehl an sich selbst.“
Die Eisgestalt blickte sie an. Ihre Augen waren leere Höhlen.
„Dahinter liegt der Schmerz. Kehrt um. Solange ihr noch könnt.“
„Wir können nicht umkehren“, sagte Clara. Sie trat vor, das Schwert Aethelgard in der Hand. „Wir sind hier, um den Schmerz zu beenden.“
Die Eisgestalt neigte den Kopf. Sie schien Clara zu mustern. Oder das Schwert.
„Goran?“, fragte die Stimme. Sie klang plötzlich hoffnungsvoll. „Bist du zurückgekommen?“
Clara schluckte. „Ich bin sein Blut. Und ich bin hier, um dich abzulösen.“
Die Gestalt zögerte. Das Eis knisterte.
Dann senkte sie die Hand.
„Er hat lange gewartet“, sagte die Gestalt. „Er ist sehr müde.“
Sie zerfiel.
Mit einem Klirren, wie tausend zerspringende Gläser, löste sich der Wächter aus Eis in einen Haufen Scherben auf.
Der Weg war frei.
„Er wollte aufgehalten werden“, sagte Marcus leise. „Sein Unterbewusstsein... es hat diese Barriere erschaffen, aber es wollte, dass wir sie durchbrechen.“
Elias nickte.
„Er will sterben“, sagte er.
Er blickte nach vorne.
Das Ende der Halle war nun sichtbar. Ein riesiges, offenes Portal, durch das ein kalter Wind wehte. Kein Eis mehr. Nur noch Fels und Nacht.
„Das Plateau“, sagte Elias.
Er hob die Trage an.
„Noch ein Stück. Dann sind wir am Ziel.“
Sie trugen Kael über die Scherben der Erinnerung hinweg, dem Ausgang entgegen.
Die Bilder an den Wänden verblassten. Die Stimmen verstummten.
Was blieb, war das Heulen des Windes, der von draußen hereinwehte.
Der Wind des Gipfels.
Der Ausgang aus den Hallen der Erinnerung war kein abruptes Ende, sondern ein langsames Verblassen.
Je weiter sie Kael auf der Trage dem offenen Portal entgegen trugen, desto transparenter wurden die Wände aus Eis. Die Bilder der Ersten Ära – die strahlenden Städte, die verzweifelten Schlachten, das einsame Gesicht des jungen Elion – verloren ihre Schärfe. Sie wurden zu Schemen, zu bloßen Lichtreflexen, bis sie schließlich ganz verschwanden und den Blick freigaben auf das, was dahinter lag.
Der nackte, schwarze Fels von Nox Aeterna.
Elias machte den letzten Schritt durch den Torbogen.
Sofort schlug ihm der Wind ins Gesicht. Es war nicht der heulende Sturm der Außenwand, der versucht hatte, sie vom Berg zu kratzen. Dieser Wind war anders. Er war stetig, rhythmisch und trug eine Kälte in sich, die nach Weltraum schmeckte. Er kam von oben, fiel senkrecht herab und strich über den Boden wie der Atem eines schlafenden Riesen.
Sie setzten die Trage ab. Tarek richtete sich stöhnend auf, seine Gelenke knackten laut in der neuen, akustisch toten Umgebung.
„Wir sind draußen“, sagte der Söldner und blickte sich um. „Oder so draußen, wie man an diesem verfluchten Ort sein kann.“
Sie standen auf einem Plateau.
Es war eine gigantische Terrasse, gehauen aus dem Gipfel des Berges selbst. Hinter ihnen ragte die Felswand auf, aus der sie gekommen waren. Vor ihnen erstreckte sich eine Ebene aus glattem Obsidian, die so weitläufig war, dass ein Heer darauf hätte aufmarschieren können.
Aber sie war leer.
Keine Wachen. Keine Mauern. Keine Hindernisse.
Nur in der Ferne, vielleicht einen halben Kilometer entfernt, erhob sich eine Struktur.
Es war keine Festung mehr. Es war ein Turm. Oder besser gesagt: Eine Nadel.
Ein einzelner, massiver Dorn aus schwarzem Kristall, der sich aus der Mitte des Plateaus in den Himmel bohrte. Er hatte keine Fenster, keine Türen, keine Ornamente. Er war pure Geometrie. Und an seiner Spitze, dort wo er die tiefhängenden Wolken durchstieß, pulsierte das violette Licht.
Wumm. Wumm.
Der Herzschlag war hier so laut, dass der Boden unter ihren Stiefeln vibrierte.
„Das Innere Sanktum“, sagte Marcus. Er stand neben Elias, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen fixiert auf die Spitze der Nadel. „Die architektonische Struktur deutet auf einen Fokuspunkt hin. Ein Blitzableiter für magische Energie.“
„Dort ist er“, sagte Elias.
Er spürte den Zug des Amuletts so stark, dass es fast schmerzte. Das Leere Gefäß auf seiner Brust wollte zu der Nadel. Es wollte nach Hause.
„Es sieht weit aus“, sagte Clara. Sie trat neben Elias. Ihr Blick wanderte über die weite, leere Fläche des Plateaus. „Zu einfach. Warum greift uns nichts an? Warum sind hier keine Schatten?“
„Vielleicht hat er keine mehr“, sagte Lyra hoffnungsvoll. Sie kniete bei Kael, strich ihm eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. „Vielleicht hat er alles verbraucht, um uns draußen aufzuhalten.“
„Oder er will, dass wir kommen“, sagte Kael.
Das Wasserwesen öffnete die Augen. Sie waren klarer als in den Hallen, reflektierten das ferne violette Licht.
„Er hat keine Angst vor uns“, gurgelte Kael. „Er wartet. Wie ein Ertrinkender auf ein Seil wartet.“
Elias blickte über das Plateau. Die Oberfläche war spiegelglatt, poliert vom Wind und der Zeit. Jeder Schritt würde sie dem Zentrum näher bringen, aber jeder Schritt würde sie auch weiter von der Welt entfernen, die sie kannten.
„Wir müssen eine Entscheidung treffen“, sagte Elias. Er drehte sich zu seinen Freunden um.
Sie sahen ihn an. Vier Gesichter, gezeichnet von Erschöpfung, Schmerz und Verlust.
Tarek, der kaum noch stehen konnte, gestützt auf sein Schwert. Marcus, der zitterte, halb wahnsinnig vor Logik und Trauer. Lyra, deren Hände verbrannt waren vom eigenen Feuer. Kael, der sich auflöste. Und Clara, der Schild, der Risse bekommen hatte.
„Das hier ist die letzte Rast“, sagte Elias. „Dort vorne... an der Nadel... gibt es kein Zurück mehr. Wenn wir diesen Platz überqueren, betreten wir den Bereich von Anaxi.“
Er griff nach dem Brief in seiner Tasche.
„Ich habe euch gesagt, was passieren muss. Ich habe euch gesagt, dass ich nicht zurückkehre.“
„Fang nicht schon wieder damit an“, knurrte Tarek. „Wir haben gesagt, wir bringen dich bis zur Tür. Und das da vorne...“ Er deutete mit dem Kinn auf die Nadel. „...sieht verdammt noch mal aus wie eine Tür.“
„Aber ihr müsst wissen, was euch erwartet“, beharrte Elias. „Die Strahlung dort drüben... die Nähe zur Leere... sie wird uns verändern. Mehr als das Labyrinth. Mehr als die Hallen.“
Er blickte Lyra an.
„Kael wird es vielleicht nicht überleben, dort hineinzugehen. Das Wasser... es wird verdampfen oder gefrieren.“
Lyra schluckte. Sie blickte auf Kael hinab.
„Er ist schon halb dort“, sagte sie leise. „Wenn wir ihn hier lassen... stirbt er auch. Allein.“
Kael griff nach ihrer Hand. Seine Finger waren kalt und nass.
„Ich gehe mit“, sagte er. „Bis zum Wasser.“
„Welches Wasser?“, fragte Marcus verwirrt. „Hier ist nur Stein.“
„Das Wasser unter dem Stein“, sagte Kael. „Ich höre es immer lauter. Es ist direkt unter der Nadel.“
Elias nickte. Er verstand nicht ganz, was Kael meinte, aber er vertraute ihm.
„Gut“, sagte er. „Dann gehen wir.“
Er wollte die Trage anheben, aber Tarek schob ihn beiseite.
„Lass mal, Junge. Du brauchst deine Kraft für den großen Auftritt. Clara, hilf mir.“
Clara und Tarek hoben Kael an. Elias ging voran, Marcus und Lyra an den Flanken.
Sie betraten das Obsidian-Plateau.
Ihre Schritte machten kein Geräusch. Der Wind zerrte an ihren Kleidern, aber er war stumm.
Es war ein Marsch der Geister.
Je näher sie der Nadel kamen, desto mehr Details wurden sichtbar. Der schwarze Kristall war nicht glatt. Er war facettiert, bedeckt mit Runen, die in einem kranken Rhythmus pulsierten. Und am Fuß der Nadel, dort wo sie in den Boden rammte, gab es einen Eingang.
Kein Tor. Einen Riss.
Einen gezackten Spalt im Kristall, aus dem violetter Nebel quoll.
„Das sieht aus wie eine Wunde“, flüsterte Marcus.
„Es ist eine Wunde“, sagte Elias. „Die Wunde der Welt.“
Sie waren noch zweihundert Meter entfernt, als der Boden zu beben begann.
Nicht stark. Nur ein leichtes Zittern, das durch die Sohlen in die Beine kroch.
Wumm.
Das Amulett antwortete.
Wumm.
Elias blieb stehen. Er hielt sich die Hand an die Brust. Der Schmerz war plötzlich da, scharf und heiß.
„Er spürt uns“, keuchte er.
„Wer?“, fragte Clara. Sie setzte die Trage ab, zog ihr Schwert. „Elion?“
„Nein“, sagte Elias. Er blickte zum Riss. „Nicht Elion.“
Aus dem violetten Nebel am Fuß der Nadel löste sich ein Schatten.
Er war klein, kaum größer als ein Mensch. Er hatte keine Waffen. Er trug keine Rüstung. Er trug eine einfache Robe, die im Wind flatterte.
Er ging langsam auf sie zu.
„Ist das er?“, fragte Tarek. „Ist das der Prinz?“
„Nein“, sagte Elias. „Das ist...“
Er kniff die Augen zusammen. Die Gestalt kam näher.
Das Gesicht war im Schatten der Kapuze verborgen. Aber die Art, wie sie ging... das Humpeln...
„Marcus?“, flüsterte Elias.
Marcus trat vor. Er nahm seine Brille ab. Er starrte die Gestalt an.
„Das ist unmöglich“, sagte Marcus. Seine Stimme war tonlos.
Die Gestalt blieb zehn Meter vor ihnen stehen. Sie hob den Kopf. Die Kapuze fiel zurück.
Es war Zara.
Sie sah aus wie an dem Tag, an dem sie gestorben war. Blut auf der Brust. Die Augen weit aufgerissen. Aber sie lächelte.
„Hallo, Professor“, sagte sie. Ihre Stimme war klar, ohne das Echo der Geister.
Marcus ließ seine Tasche fallen.
„Zara“, wimmerte er. Er wollte loslaufen.
„Halt!“, brüllte Elias. Er packte Marcus am Arm, riss ihn zurück. „Das ist nicht sie! Das ist Phobos!“
„Sie ist echt!“, schrie Marcus. „Sieh sie doch an!“
„Sie ist tot, Marcus!“, sagte Elias hart. „Wir haben sie dem Meer gegeben. Das hier... das ist der Berg, der mit uns spielt.“
Die Zara-Gestalt lachte. Es war ein kaltes, metallisches Lachen.
„Kluger Junge“, sagte sie. Aber es war nicht mehr Zaras Stimme. Es war die Stimme aus dem Labyrinth. Die Stimme der Angst.
Die Gestalt begann zu wachsen.
Die Haut riss auf. Aus Zaras Körper brachen Dornen aus Obsidian. Das Gesicht verzerrte sich, wurde langgezogen, unmenschlich. Schatten quollen aus ihrem Mund.
In Sekunden stand dort keine Frau mehr.
Dort stand ein Wächter.
Aber nicht der riesige Schatten, den sie erwartet hatten. Es war eine Kreatur aus Spiegeln und Klingen, die das Licht des Amuletts reflektierte und verzerrte.
„Ihr habt das Labyrinth überlebt“, sagte das Ding. „Ihr habt die Erinnerungen ertragen. Aber könnt ihr euch selbst ertragen?“
Es hob eine Hand, die aus einer einzigen langen Klinge bestand.
„Der Zutritt ist verboten. Nur wer leer ist, darf passieren.“
„Ich bin leer“, sagte Elias. Er trat vor die Gruppe.
„Bist du das?“, fragte der Wächter. Er deutete mit der Klinge auf Clara, auf Tarek, auf Lyra. „Du bist voll von ihnen. Voll von Hoffnung. Voll von Liebe. Das ist Ballast.“
Der Wächter machte einen Schritt auf sie zu.
„Wirf sie ab. Und du darfst passieren.“
„Niemals“, sagte Elias.
Er lud das Amulett auf.
„Formation!“, rief er.
Aber diesmal war es kein enger Gang. Es war ein offenes Feld. Und der Feind kannte ihre Gesichter.
Die Gestalt, die einmal wie Zara ausgesehen hatte, war nun ein groteskes Monument aus Schmerz und scharfkantigem Obsidian.
Sie stand zwischen der Gruppe und dem Fuß der schwarzen Nadel, ein Hindernis, das nicht einfach umgangen werden konnte. Ihre Arme waren zu langen, dünnen Lanzen aus schwarzem Glas gewachsen, ihr Gesicht war eine flache, spiegelnde Fläche, in der sich das entsetzte Gesicht von Marcus tausendfach brach.
„Der Gelehrte“, sagte die Stimme, die aus dem Spiegelgesicht drang. Sie klang nicht mehr menschlich. Sie klang wie das Knirschen von Gletschern, die gegeneinander mahlen. „Du hast alles berechnet, nicht wahr? Jeden Schritt. Jede Wahrscheinlichkeit.“
Die Kreatur machte einen Schritt auf Marcus zu. Der Boden unter ihren Füßen bekam Risse.
„Aber du hast die Variable des Verlusts ignoriert. Du dachtest, du könntest sie in einer Formel verstecken. Aber hier... hier wird alles sichtbar.“
Marcus stand zitternd da. Er hatte seine Tasche fallen lassen, seine Hände hingen schlaff an den Seiten. Er sah nicht die Obsidian-Klinge, die auf ihn gerichtet war. Er sah nur das Spiegelbild seiner eigenen Schuld.
„Marcus!“, rief Clara. Sie sprang vor ihn, riss Aethelgard hoch. Die blaue Klinge traf auf den schwarzen Glasarm der Kreatur.
KLIRR.
Der Aufprall ließ Claras Arme bis in die Schultern vibrieren. Funken sprühten. Aber das Glas brach nicht. Es bekam nicht einmal einen Kratzer.
„Stahl“, spottete der Wächter. „Du kämpfst gegen Erinnerungen mit Eisen, kleines Mädchen? Erinnerungen bluten nicht.“
Die Kreatur wischte Clara beiseite. Es war eine beiläufige Bewegung, ein Rückhandschlag mit dem glasigen Arm.
Clara wurde von den Füßen gerissen. Sie schlitterte über den glatten Boden des Plateaus, ihr Schwert klapperte meterweit weg.
„Clara!“, brüllte Tarek. Er humpelte los, warf sich zwischen die Kreatur und Marcus. Er hielt seinen Schild hoch, obwohl er wusste, dass er nutzlos war. „Lass ihn in Ruhe, du hässliche Scherbe!“
Der Wächter hielt inne. Das spiegelnde Gesicht wandte sich Tarek zu.
„Der Söldner“, säuselte die Stimme. „Der Mann, der seinen Vater hasste, weil er ein Verräter war. Und jetzt beschützt du den Mann, der seine Geliebte geopfert hat.“
Tarek erstarrte. „Halt dein Maul.“
„Sie ist ertrunken, Tarek. Wegen ihm. Er hat die Koordinaten berechnet. Er hat das Boot gesteuert. Er hat sie dem Meer gegeben.“
Marcus sank auf die Knie. Er presste die Hände auf die Ohren.
„Hör auf“, wimmerte er. „Bitte. Hör auf.“
„Nein“, sagte Elias.
Er trat vor. Das Amulett auf seiner Brust brannte golden, ein Leuchtfeuer in der violetten Dämmerung des Plateaus. Er hatte keine Waffe gezogen. Er hatte nur seine Hände.
„Hör nicht auf sie, Marcus“, sagte Elias ruhig. Er ging auf den Wächter zu, Schritt für Schritt. „Das ist nicht Zara. Das ist nur ein Echo. Ein Abfallprodukt der Hallen.“
Der Wächter drehte sich zu Elias.
„Das leere Gefäß“, zischte er. „Du glaubst, du bist voll? Du bist voll von Lügen.“
Er holte mit dem Obsidian-Arm aus, um Elias zu durchbohren.
Elias wich nicht aus. Er hob die Hand.
„Ich lüge nicht mehr“, sagte er.
Er aktivierte das Amulett. Aber er feuerte keinen Strahl. Er errichtete eine Barriere.
Eine Wand aus goldenem Licht flackerte vor ihm auf. Die Obsidian-Klinge traf darauf. Es gab ein Geräusch wie ein Gongschlag. Licht und Dunkelheit prallten aufeinander.
Elias wurde zurückgeschoben, seine Stiefel quietschten auf dem Stein, aber er hielt stand.
„Marcus!“, rief er über die Schulter, während er gegen den Druck des Wächters ankämpfte. „Sieh sie an! Sieh sie wirklich an!“
Marcus hob den Kopf. Er blinzelte durch seine kaputte Brille. Er sah die Kreatur. Er sah die Spiegel. Und in den Spiegeln sah er Zara.
Aber sie starb nicht. Sie lachte.
Er sah das Bild von ihr auf dem Markt von Seraphis, wie sie ihm einen Apfel zuwarf. Er sah sie im Dschungel, wie sie ihm den Kompass gab. Er sah sie auf dem Boot, wie sie seine Hand hielt.
„Das sind meine Erinnerungen“, flüsterte Marcus.
Er stand auf. Seine Beine waren wackelig, aber sein Rücken war gerade.
„Du bist nicht sie“, sagte Marcus laut. Seine Stimme gewann an Festigkeit. „Zara war Chaos. Sie war Leben. Du... du bist nur eine Projektion meiner Angst, sie zu vergessen.“
Er ging an Tarek vorbei. Er ging an Elias vorbei, der immer noch das Lichtschild hielt.
Er trat direkt vor die Kreatur.
Der Wächter zögerte. Das Spiegelgesicht flackerte.
„Ich bin dein Schmerz“, grollte das Ding.
„Ja“, sagte Marcus. „Und ich behalte ihn. Er gehört mir. Nicht dir.“
Er griff in seine Tasche. Er holte Zaras Kompass hervor – die leere Hülle, deren Nadel er im Labyrinth geopfert hatte.
Er hielt die leere Hülle hoch, wie ein Symbol.
„Die Variable ist nicht der Tod“, sagte Marcus. „Die Variable ist das Vermächtnis.“
Er drückte den Kompass gegen die Brust der Kreatur, dort, wo ein Herz sein sollte.
„Verschwinde.“
Es war kein magischer Befehl. Es war eine logische Schlussfolgerung. Die Kreatur bestand aus Marcus’ Angst. Wenn Marcus die Angst akzeptierte, hatte die Kreatur keine Substanz mehr.
Das Obsidian begann zu knistern. Risse schossen durch den schwarzen Spiegelkörper.
Die Gestalt schrie – nicht mit Zaras Stimme, sondern mit dem hohlen Heulen des Windes.
Sie zerfiel.
Keine Explosion. Kein Rauch. Sie zersprang einfach in tausend Scherben aus schwarzem Glas, die auf den Boden prasselten und sich dort in nichts auflösten.
Marcus stand allein im Regen aus Scherben. Er atmete schwer.
Tarek ließ den Schild sinken. „Verdammter Narr“, sagte er anerkennend. „Du hast dich fast aufspießen lassen.“
„Kalkuliertes Risiko“, sagte Marcus. Er steckte den Kompass weg. Seine Hände zitterten, aber er verbarg es in den Falten seiner Robe.
Clara hatte ihr Schwert wiedergeholt. Sie kam zu ihnen, prüfte kurz, ob alle unverletzt waren.
„Der Weg ist frei“, sagte sie.
Sie blickten nach vorne.
Hinter der Stelle, wo der Wächter gestanden hatte, endete das Plateau.
Es fiel steil ab in einen neuen Abgrund, der den Fuß der Nadel umgab wie ein Burggraben.
Und über diesen Abgrund führte der letzte Weg.
Es war keine massive Steinbrücke. Es war ein schmaler Grat aus Eis und Fels, kaum breiter als ein Mensch, der sich in einem eleganten, aber terrifying Bogen zur Basis der Nadel schwang.
Der Finale Pfad.
Am anderen Ende, direkt am Fuß der Nadel, war der Riss im Kristall – der Eingang zum Thronsaal.
„Dort“, sagte Elias.
Er ging zum Rand des Abgrunds.
Der Wind hier war mörderisch. Er kam von unten, aus der Tiefe des Berges, und er trug Stimmen mit sich. Das Flüstern von Anaxi, das nun lauter war, drängender.
„Kommt. Ich habe Hunger.“
Lyra und Tarek kamen mit der Trage nach. Kael war still geworden. Sein Wasserkörper war dunkel, fast schwarz, als hätte er die Umgebung absorbiert.
„Wie geht es ihm?“, fragte Elias.
„Er ist... dicht“, sagte Lyra. Sie suchte nach Worten. „Er kondensiert. Er bereitet sich vor.“
„Worauf?“, fragte Clara.
„Auf das Ende“, sagte Kael von der Trage. Seine Stimme war kaum hörbar.
Elias blickte auf die schmale Brücke.
„Wir müssen einzeln gehen“, sagte er. „Die Brücke hält uns nicht alle gleichzeitig. Und der Wind... wenn wir fallen, fallen wir für immer.“
„Ich gehe zuerst“, sagte Clara. „Ich sichere den Kopf.“
„Nein“, sagte Elias. „Ich gehe zuerst.“
Er drehte sich zu ihnen um.
„Das Amulett muss den Weg öffnen. Die Strahlung der Nadel... sie ist zu stark für euch. Ich muss das Feld stabilisieren.“
„Und wer stabilisiert dich?“, fragte Tarek.
„Ihr“, sagte Elias. „Indem ihr mir den Rücken freihaltet.“
Er trat an den Anfang der Brücke.
Er spürte, wie das Amulett reagierte. Es zog ihn. Es wollte über den Abgrund. Es wollte nach Hause.
Aber er spürte noch etwas anderes.
Eine Erschütterung.
Tief unten, im Fundament der Nadel, bewegte sich etwas. Etwas Großes.
Marcus trat neben ihn. Er blickte in den Abgrund.
„Die seismischen Aktivitäten nehmen zu“, sagte er leise. „Der Berg ist instabil. Wir haben nicht viel Zeit.“
„Dann nutzen wir sie“, sagte Elias.
Er setzte den ersten Fuß auf das Eis der Brücke.
Es knirschte. Aber es hielt.
Er ging weiter. Schritt für Schritt. Hinaus über die Leere.
Die anderen folgten ihm mit den Augen. Sie wagten nicht zu atmen.
Elias erreichte die Mitte der Brücke.
Dann geschah es.
Der Nebel im Abgrund unter ihm teilte sich. Violettes Licht brach hervor.
Eine Hand, so groß wie ein Haus, schoss aus der Tiefe empor und krallte sich in den Felsgrat, genau vor Elias’ Füßen.
Die Brücke erzitterte gewaltig. Elias stürzte, klammerte sich an das Eis.
„Zurück!“, schrie er zu den anderen.
Aus dem Abgrund erhob sich der wahre Wächter. Nicht das Echo aus dem Labyrinth. Nicht die Erinnerung aus dem Eis.
Phobos. In seiner wahren Gestalt.
Ein Gigant aus Schatten und purer Angst, der sich zwischen sie und das Ziel stellte.
Und diesmal hatte er kein Gesicht, das man anlügen konnte.
Der Ausgang aus dem Archiv der Vergangenheit war wie das Erwachen aus einem langen, schweren Traum.
Je weiter sie dem ansteigenden Boden folgten, desto blasser wurden die Bilder in den Eiswänden. Die brennende Stadt, der schreiende Prinz, die Gesichter der Toten – sie verblassten zu grauen Schemen, bis das Eis schließlich wieder klar und leer war. Nur das ferne Heulen des Windes, der von draußen in den Stollen drang, kündigte das Ende der Halle an.
Elias trat als Erster durch den Torbogen ins Freie.
Er musste die Augen zusammenkneifen, obwohl es draußen nicht hell war. Es war die Weite, die ihn blendete. Nach der Enge des Labyrinths und der drückenden Atmosphäre der Erinnerungshalle wirkte die Leere des Gipfels fast gewalttätig.
Sie standen auf einer Felszunge, die wie ein steinerner Finger aus der Flanke des Berges ragte. Über ihnen wölbte sich der Himmel – schwarz, sternenlos und so nah, dass man meinte, man müsse sich ducken. Unter ihnen... unter ihnen war nichts. Ein Abgrund, gefüllt mit wabernden Nebeln, die in einem kranken Violett leuchteten.
„Wir sind da“, sagte Clara. Sie trat neben ihn, Aethelgard in der Hand, die Klinge gesenkt.
Vor ihnen, auf der anderen Seite des Abgrunds, erhob sich das Ziel.
Es war keine Festung mehr. Es war das Herz von Nox Aeterna.
Eine einzige, gigantische Nadel aus schwarzem Kristall, die sich aus dem Fels schraubte und in den Himmel stach. Sie pulsierte. Wumm. Wumm. Der Herzschlag, den sie schon im Tunnel gespürt hatten, war hier so laut, dass er die Luft vibrieren ließ.
Und der einzige Weg dorthin war die Brücke.
Der Finale Pfad.
Ein schmaler Bogen aus verwittertem Gestein und uraltem Eis, der die beiden Seiten des Abgrunds verband. Er sah zerbrechlich aus, wie ein Faden aus Spinnweben, gespannt über die Unendlichkeit.
„Das sieht nicht stabil aus“, sagte Tarek. Er und Elias setzten die Trage mit Kael ab. Der Söldner wischte sich den Schweiß von der Stirn und starrte misstrauisch auf die Konstruktion. „Wenn wir da alle gleichzeitig draufgehen, bricht das Ding.“
„Wir gehen einzeln“, sagte Elias. Er blickte auf das Amulett. Es zog ihn zur Brücke hin, gierig, drängend. „Ich gehe vor.“
Er trat an den Rand des Abgrunds. Der Wind zerrte an seinem Mantel, versuchte, ihn in die Tiefe zu stoßen.
„Warte“, sagte Kael.
Die Stimme des Wassermagiers war schwach, aber dringlich. Er richtete sich auf der Trage auf. Sein Körper war kaum noch materiell, eine Hülle aus Wasser, die im Wind zitterte.
„Spürst du das?“, fragte Kael.
„Was?“, fragte Lyra, die sich schützend vor ihn stellte.
„Das Wasser“, sagte Kael. „Tief unten. Im Abgrund. Es ist... wütend.“
Elias blickte in die Tiefe. Die violetten Nebel wirbelten schneller. Sie rotierten.
Dann veränderte sich die Atmosphäre.
Der Wind starb ab. Die Stille kehrte zurück – jene absolute, bedrohliche Stille, die immer den Angriff von Phobos ankündigte.
Auf der Mitte der Brücke begann der Schatten sich zu verdichten.
Es war kein Rauch. Es war, als würde die Realität selbst gerinnen. Ein Fleck aus absoluter Schwärze bildete sich auf dem schmalen Grat. Er wuchs. Er nahm Gestalt an.
Zuerst Beine, massiv wie Säulen. Dann ein Torso, gepanzert in Dunkelheit. Arme, die in Klauen endeten, lang genug, um den Himmel zu zerkratzen. Und schließlich ein Kopf. Ohne Gesicht. Nur ein einzelnes, vertikales Auge, das in einem kalten Violett brannte.
Der Wächter der Angst.
Er stand auf der Brücke und blockierte den einzigen Weg. Er war riesig, so groß, dass er die Nadel dahinter fast verdeckte.
„Phobos“, flüsterte Marcus. Er wich einen Schritt zurück, die Hände zitternd um seine Tasche gekrallt. „Er ist nicht mehr in unseren Köpfen. Er ist hier. Physisch.“
Der Wächter rührte sich nicht. Er stand einfach da, eine Mauer aus Hass und Kälte. Er hob keine Waffe. Er sprach kein Wort. Er war einfach nur anwesend. Und seine Anwesenheit war eine Botschaft: Hier endet eure Reise.
Elias spürte, wie die Kälte von der Brücke herüberwehte. Sie kroch in seine Kleidung, in seine Haut, in sein Herz. Es war die Kälte der Hoffnungslosigkeit.
„Wir kommen nicht an ihm vorbei“, sagte Clara. Ihre Stimme war tonlos. Sie ließ das Schwert sinken. „Er ist zu stark. Wir sind zu schwach.“
„Er wartet“, sagte Elias. Er zwang sich, stehenzubleiben. Er zwang sich, dem Auge des Wächters standzuhalten. „Er wartet darauf, dass wir aufgeben.“
Er griff nach dem Amulett. Es war heiß. Es wollte kämpfen. Aber Elias wusste, dass Licht allein hier nicht reichen würde. Phobos war kein Schatten, den man vertreiben konnte. Er war ein Teil des Berges.
„Was machen wir?“, fragte Tarek. Er hob seinen Schild, aber die Bewegung war träge, kraftlos.
Elias blickte auf die schmale Brücke. Auf den Riesen, der sie versperrte. Auf den Abgrund darunter.
„Wir halten die Stellung“, sagte Elias.
Es war keine Strategie. Es war Verzweiflung. Aber es war alles, was sie hatten.
Sie standen am Rand des Abgrunds, fünf gebrochene Gestalten gegen die Dunkelheit der Welt.
Und der Wächter auf der Brücke begann zu lächeln – ein Riss in der Schwärze, der sich langsam öffnete.