NOX AETERNA · Band 3 · Hüter der Zukunft
KAPITEL 9: Die Festung in Sicht
Teil 1 von 5
Der Wächter stand auf der Brücke, aber er griff nicht an. Noch nicht.
Die Zeit auf dem Plateau schien sich zu dehnen, zähflüssig zu werden wie das violette Licht, das von der Nadelspitze von Nox Aeterna herabpulsiert. Elias stand am Rand des Abgrunds, den Wind in den Haaren, und starrte an dem Giganten vorbei.
Er sah die Festung.
Bisher war sie nur ein Schatten am Horizont gewesen, ein Ziel auf einer Karte oder ein fernes Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Aber jetzt, da er direkt davorstand, getrennt nur durch den schmalen Grat der Brücke und den Wächter, traf ihn die schiere Masse des Bauwerks.
Sie war nicht gebaut. Sie war die Ewigkeit, die Form angenommen hatte.
Die Mauern aus schwarzem Kristall wuchsen nahtlos aus dem Fels des Gipfels, glatt und abweisend, ohne Fugen, ohne Fenster. Sie reflektierten das Sternenlicht nicht; sie verschluckten es. Die Architektur folgte keiner menschlichen Logik. Türme bogen sich in unmöglichen Winkeln nach außen, Brücken spannten sich ins Nichts und endeten abrupt. Es war eine Festung, die nicht dazu gedacht war, eine Armee draußen zu halten.
Sie war dazu gedacht, etwas drinnen zu halten.
Elias spürte das Pochen des Amuletts an seiner Brust. Wumm. Wumm. Es war derselbe Rhythmus wie das Pulsieren der Nadelspitze.
Zuhause, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Es war nicht Jorin. Es war nicht Arkan. Es war der Teil von ihm, der bereits aufgegeben hatte, ein Mensch zu sein.
Elias ging langsam in die Knie. Er legte die Hände auf den kalten Stein des Plateaus. Er war erschöpft. Die Reise durch das Labyrinth, die Hallen der Erinnerung, die Konfrontation mit der Vergangenheit – all das hatte an seiner Substanz gezehrt.
„Warum greift er nicht an?“, flüsterte Tarek hinter ihm. Der Söldner hielt sein Schwert noch immer erhoben, aber seine Arme zitterten.
„Er wartet“, sagte Elias, ohne den Blick von der Festung zu wenden. „Er ist Teil des Berges. Der Berg hat keine Eile.“
Elias schloss die Augen. Er nutzte diesen Moment der Stille. Diese letzte Rast, von der er wusste, dass sie nie wiederkehren würde.
Er atmete tief ein. Die Luft war dünn, kalt und schmeckte nach Ozon und altem Eis.
In diesem Moment, im Angesicht des Endes, fiel die Angst von ihm ab. Die Panik, die ihn seit Aetherholm getrieben hatte, die Wut auf Arkan, die Trauer um seine Mutter – all das wurde still. Es verschwand nicht, aber es verlor sein Gewicht.
Er dachte an seinen Vater. An die Vision am Feuer.
„Ich bin bei dir“, hatte Jorin gesagt.
„Ich weiß“, flüsterte Elias. „Ich bin bereit.“
Er öffnete die Augen wieder. Er sah die Festung nicht mehr als Bedrohung. Er sah sie als Bestimmung.
Er stand auf. Seine Bewegungen waren ruhig. Er klopfte sich den Staub von der Hose.
„Er lässt uns Zeit“, sagte Elias zu den anderen. Er drehte sich um. „Er lässt uns Zeit, um zu verstehen, was wir hier tun.“
Clara sah ihn an. Sie sah die Veränderung in seinem Gesicht. Die Härte war gewichen, ersetzt durch eine fast unheimliche Gelassenheit.
„Was tun wir hier, Elias?“, fragte sie leise.
„Wir verabschieden uns“, sagte Elias.
Er blickte zurück zur Festung, zur Nadel, die in den Himmel stach.
„Ich sehe es jetzt“, sagte er. „Das Tor. Es ist nicht verschlossen. Es wartet nur darauf, dass der richtige Schlüssel gedreht wird.“
Er hob die Hand mit dem Handschuh.
„Und ich bin der Schlüssel.“
Der Wächter auf der Brücke rührte sich. Das violette Auge flackerte. Er spürte Elias' Akzeptanz.
„Komm“, grollte der Berg. „Das Ende wartet.“
Aber Elias ging noch nicht. Er blieb stehen, am Rand der Welt, und nahm sich den Moment, um die Festung wirklich zu sehen. Jeden Winkel. Jeden Schatten.
Er prägte es sich ein. Denn er wusste, wenn er erst einmal dort drinnen war, würde er nie wieder den Himmel sehen.
Elias’ Worte – „Ich bin der Schlüssel“ – hingen in der kalten, dünnen Luft des Plateaus wie der Rauch eines erloschenen Feuers. Sie verwehten nicht. Sie setzten sich in den Gedanken seiner Freunde fest, schwer und endgültig.
Clara stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Sie hatte ihr Schwert Aethelgard gesenkt, die Spitze ruhte auf dem schwarzen Fels. Ihr Atem ging in weißen Wolken, rhythmisch und kontrolliert, aber ihre Hände, die den mit Leder umwickelten Griff umklammerten, waren so fest geschlossen, dass das Leder knirschte. Sie starrte Elias an, nicht die Festung. Sie sah nicht den Wächter auf der Brücke, nicht die violetten Blitze, die um die Nadelspitze zuckten. Sie sah nur den Jungen, den sie geschworen hatte zu beschützen.
Und sie sah, dass er bereits gegangen war.
In Elias’ Augen lag eine Ruhe, die Clara mehr Angst machte als jede Wut oder Panik, die sie zuvor bei ihm gesehen hatte. Es war die Ruhe eines Mannes, der nicht mehr kämpft, weil er das Ergebnis bereits akzeptiert hat. Es war die Ruhe eines Toten.
„Du bist kein Schlüssel“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Aggression. „Du bist ein Mensch. Und Menschen werden nicht in Schlösser gesteckt, um Türen offen zu halten.“
„Manchmal schon“, sagte Marcus leise.
Der Gelehrte hatte sich neben Zara gekauert, die am Rand des Abgrunds saß und ihre Beine über dem Nichts baumeln ließ, als wäre es eine Hafenmauer und kein tausend Meter tiefer Sturz. Marcus hielt Zaras Kompass in der Hand, dessen Nadel nun völlig stillstand und stur auf das Tor von Nox Aeterna zeigte.
„In der Architektur der Ersten Ära“, fuhr Marcus fort, ohne den Blick vom Kompass zu heben, „war das Konzept des ‚Lebenden Siegels‘ durchaus... geläufig. Wenn die zu bindende Kraft zu groß für tote Materie ist, braucht man ein Bewusstsein, um die Eindämmung flexibel zu halten.“ Er schluckte schwer. „Ein Schloss, das denken kann. Das sich anpasst.“
„Halt die Klappe, Marcus“, sagte Tarek. Der Söldner lehnte schwer an einem Felsblock, der aus dem Boden ragte wie ein verwitterter Zahn. Sein Gesicht war grau, die Nekrose-Narbe an seiner Seite pochte sichtbar unter seiner Rüstung, aber sein Blick war scharf. Er fixierte den Schatten auf der Brücke.
„Es ist egal, was er ist“, grollte Tarek. „Wichtig ist, was das da ist.“ Er deutete mit dem Kinn auf Phobos.
Der Wächter rührte sich nicht. Die massive Gestalt aus Schatten und Rüstung stand auf der Mitte der schmalen Steinbrücke, unbeweglich wie ein Teil des Berges. Er hob keine Waffe, er rief keine Herausforderung. Er war einfach nur da. Eine absolute Blockade.
Aber seine Präsenz war nicht passiv.
Die Luft auf dem Plateau vibrierte. Es war ein tiefes, Infraschall-Wummern, das nicht in den Ohren, sondern im Magen zu spüren war. Wumm. Wumm. Der Herzschlag von Nox Aeterna.
Lyra, die neben Kael kniete, presste die Hände auf die Ohren. „Es ist so laut“, wimmerte sie. „Hört ihr das nicht? Es schreit.“
„Es schreit nicht“, sagte Kael. Das Wasserwesen, dessen Form im kalten Wind des Gipfels instabil flackerte, blickte zur Festung auf. „Es atmet. Die Festung... sie lebt. Sie ist hungrig.“
Kael streckte eine Hand aus, die mehr aus Nebel als aus Flüssigkeit bestand.
„Das Eis hier oben... es ist nicht wie das Eis im Gletscher. Es ist alt. Es hat Durst. Es will trinken.“
Elias spürte es auch. Das Amulett an seiner Brust reagierte auf den Rhythmus der Festung. Es war kein Kampf mehr. Es war eine Synchronisation. Sein eigener Herzschlag passte sich dem Wumm-Wumm des Berges an.
Er trat einen Schritt näher an den Abgrund. Der Wind riss an seinem Mantel, zerrte ihn nach vorne, als wollte der Berg ihn einsaugen.
„Er lässt uns warten“, sagte Elias. „Phobos. Er greift nicht an, weil er weiß, dass wir nirgendwohin können. Er will, dass wir es sehen. Dass wir die Größe verstehen.“
Er blickte auf die Mauern von Nox Aeterna. Sie waren aus einem Stück. Keine Fugen, keine Ziegel. Der schwarze Kristall war gewachsen, herausgedrückt aus dem Inneren der Erde durch magischen Druck. Die Türme waren keine Wachtürme; es waren Dornen. Nadeln, die in den Himmel stachen, um die Energie der Sterne anzuzapfen – oder um die Dunkelheit daran zu hindern, in den Himmel zu entweichen.
„Es ist ein Gefängnis“, sagte Elias. „Aber es ist auch ein Grab.“
Zara stand auf. Sie steckte ihre Dolche weg.
„Also gut“, sagte sie. Ihre Stimme war betont lässig, aber Elias sah, wie ihre Hände zitterten. „Wir stehen vor dem größten, hässlichsten Haus der Welt, der Türsteher ist ein drei Meter großer Schatten, und unser Anführer glaubt, er sei ein Schlüsselbund. Was ist der Plan?“
„Es gibt keinen Plan“, sagte Clara. Sie trat neben Elias. „Es gibt nur den Weg.“
Sie blickte Elias an.
„Wenn du da reingehst, Elias... wenn du das tust, was du glaubst, tun zu müssen... was passiert dann mit uns?“
Elias wandte den Blick nicht von der Festung ab.
„Ihr werdet leben“, sagte er leise. „Das ist der Teil der Abmachung, den ich mir selbst gegeben habe.“
„Und wenn wir nicht wollen, dass du dich opferst?“, fragte Lyra. Sie war aufgestanden, Kael stützte sich auf ihre Schulter. „Wenn wir kämpfen wollen?“
„Dann verliert ihr“, sagte Elias. Er drehte sich zu ihnen um. Sein Gesicht war im violetten Licht der Festung bleich, seine Augen dunkel.
„Seht ihn euch an.“ Er deutete auf Phobos. „Das ist kein Feind, den man mit Schwertern besiegt. Das ist reine Angst. Wenn ihr gegen ihn kämpft, kämpft ihr gegen euch selbst. Ihr werdet verlieren. Tarek wird an seiner Schuld zerbrechen. Marcus an seiner Logik. Du, Lyra, an deinem Mitleid.“
„Und du?“, fragte Tarek. „Woran zerbrichst du?“
„Ich bin schon zerbrochen“, sagte Elias. Er hob die behandschuhte Hand. „Das ist mein Vorteil. Ich habe nichts mehr, was er brechen kann.“
Ein Grollen ging durch den Boden, stärker als zuvor. Staub rieselte von den Felskanten in den Abgrund.
Auf der Brücke bewegte sich Phobos.
Er hob den Kopf. Das violette Auge in seinem gesichtslosen Helm flammte auf. Er hob seinen riesigen Schatten-Hammer und ließ ihn langsam, fast zeitlupenhaft, auf den Boden der Brücke sinken.
Klonk.
Das Geräusch war leise, aber es sandte eine Schockwelle durch das Eis, die bis zu ihren Füßen reichte.
„Genug geredet“, flüsterte der Wind. „Die Zeit der Worte ist vorbei.“
Marcus schreckte hoch. Er blickte auf den Kompass.
„Die Nadel“, sagte er hastig. „Sie dreht sich nicht mehr. Sie ist... eingerastet.“
Er blickte zur Festung.
„Der Zyklus ist abgeschlossen. Was auch immer da drin passiert... es erreicht jetzt den kritischen Punkt. Elion... er hält nicht mehr.“
Elias spürte es. Ein Stich in seiner Brust, direkt unter dem Amulett. Ein Schmerz, als würde eine Naht reißen.
„Er ruft“, keuchte Elias. „Er schreit.“
Er machte einen Schritt auf die Brücke zu.
„Nein!“, rief Clara. Sie griff nach seinem Arm. „Nicht allein.“
Elias sah sie an. Er sah die Entschlossenheit in ihren Augen, die Liebe, die Angst. Er wusste, dass er sie nicht davon abhalten konnte.
„Zusammen“, sagte er.
Er blickte zu den anderen. Tarek nickte grimmig. Zara zog ihre Dolche wieder. Marcus schloss sein Buch und steckte es weg. Lyra und Kael traten vor.
Sie bildeten eine Linie. Sechs gebrochene Gestalten gegen die Dunkelheit der Welt.
„Bis zum Tor“, sagte Elias.
„Bis zum Ende“, korrigierte Clara.
Sie traten auf die Brücke.
Der Wind hörte auf. Die Stille wurde absolut. Phobos wartete.
Und der Berg hielt den Atem an.
Die Brücke war kein Ort, der für Sterbliche gemacht war.
Mit jedem Schritt, den die Gruppe auf den schmalen Grat aus schwarzem Eis setzte, schien sich die Welt um sie herum weiter aufzulösen. Der Wind, der zuvor noch ein stetiges Heulen gewesen war, zerfiel in ein dissonantes Flüstern, das nicht von außen kam, sondern direkt im Innenohr vibrierte. Es war, als würde der Luftdruck mit jedem Meter fallen, bis das Atmen zu einer bewussten, schmerzhaften Anstrengung wurde.
Elias ging voran. Er spürte den Boden unter seinen Stiefeln kaum noch. Das Eis war so kalt, dass es sich heiß anfühlte, ein paradoxes Brennen, das durch die Sohlen drang. Aber es war nicht das Eis, das ihn wanken ließ.
Es war der Blick.
Phobos, der Wächter am anderen Ende der Brücke, hatte sich nicht bewegt. Er stand regungslos vor dem Tor, eine Statue aus Dunkelheit, aber sein Einfluss flutete über die Brücke wie eine zähe, unsichtbare Flüssigkeit. Es war keine magische Barriere, die man mit einem Schwert durchtrennen oder mit einem Zauber brechen konnte. Es war eine Atmosphäre.
Eine Atmosphäre absoluter, lähmender Furcht.
Hinter Elias stolperte Marcus. Der Gelehrte keuchte auf, griff nach der Luft, als würde er ertrinken. Er sank auf ein Knie, die Hände krampfhaft in seinen Mantel gekrallt.
„Die Konstante...“, wimmerte er. Seine Augen waren weit aufgerissen, starrten in den Abgrund zu seiner Linken. „Die Gravitationskonstante... sie ist weg. Wir fallen. Wir fallen alle.“
„Steh auf, Marcus!“, zischte Zara. Sie packte ihn am Kragen, zerrte ihn hoch. Ihre Stimme war hart, aber Elias sah, wie ihre Hände zitterten. Sie sah nicht Marcus an. Sie sah Schatten im Augenwinkel, Bewegungen im Nebel, die Dolche auf ihre Kehle richteten. „Wir fallen nicht. Es ist nur der Kopf. Es ist nur der Kopf.“
„Es ist nicht nur der Kopf“, sagte Tarek.
Der Söldner stand breitbeinig da, als würde er einen Sturm erwarten. Er hielt sein Schwert mit beiden Händen, aber die Klinge zeigte nach unten. Er starrte auf Phobos.
„Er zeigt uns nicht, was sein könnte“, sagte Tarek rau. „Er zeigt uns, was ist.“
Tarek sah nicht den Wächter. Er sah seinen Vater. Er sah General Karim, wie er das Tor öffnete und die Schatten hereinließ. Aber diesmal war es nicht Karim. Diesmal war es Tarek selbst, der die Hand an der Klinke hatte. Die Schuld, die er so lange bekämpft hatte, war hier oben keine Erinnerung mehr. Sie war eine physische Last, schwerer als seine Rüstung.
„Ich kann nicht weitergehen“, sagte Tarek. „Ich bin... ich bin wie er.“
„Nein“, sagte Elias.
Er drehte sich nicht um. Er blieb stehen, mitten auf der Brücke, genau an dem Punkt, wo der Einfluss des Wächters am stärksten war. Er spürte die Angst der anderen. Das Amulett an seiner Brust vibrierte, sog die Emotionen auf wie ein Schwamm. Es wollte die Angst fressen, wollte sie in Energie umwandeln.
Aber Elias ließ es nicht zu. Er nutzte die Energie nicht für sich. Er nutzte sie als Anker.
Er hob den Schwarzen Handschuh. Die silbernen Adern glühten in einem trotzigen, kalten Weiß auf.
„Hört mir zu!“, rief Elias. Seine Stimme war klar, schnitt durch das Flüstern des Windes. „Das seid nicht ihr. Das ist Er. Er benutzt eure Erinnerungen als Waffen.“
Er blickte zu Marcus.
„Es gibt keine Variable für das Fallen, Marcus. Der Boden ist fest. Tritt auf.“
Er blickte zu Tarek.
„Du bist nicht dein Vater. Du bist der Mann, der ihn verurteilt hat. Das ist der Unterschied.“
Er blickte zu Clara, die stumm da stand, das Gesicht nass von Tränen, die sie nicht spürte.
„Und du bist nicht allein, Clara. Niemand von uns ist allein.“
Der Wächter am Tor reagierte. Das violette Auge in seinem Helm flammte heller auf. Er hob den Hammer einen Zentimeter an.
„Worte“, grollte die Stimme des Berges. „Worte sind Luft. Angst ist Stein.“
Eine Druckwelle ging von Phobos aus. Sie traf die Gruppe physisch.
Lyra schrie auf. Sie wurde zurückgeworfen, rutschte über das glatte Eis, direkt auf den Abgrund zu.
„Lyra!“, rief Kael.
Das Wasserwesen reagierte schneller als jeder Mensch. Er löste seine Form auf, wurde zu einem Strom aus Flüssigkeit, der über das Eis schoss. Er wickelte sich um Lyras Bein, fror sich am Boden fest, wurde zu einer Fessel aus Eis, die sie hielt, nur Zentimeter vor dem Fall.
Lyra hing über dem Abgrund. Sie starrte in die violetten Wolken tief unten. Sie sah Jory fallen. Sie sah den Klaxuna-Jungen fallen. Sie sah alle, die sie nicht retten konnte.
„Lass mich los“, flüsterte sie. „Ich bin zu schwer.“
„Niemals“, gurgelte Kaels Stimme neben ihr. Er formte sich zurück, zog sie mit unmenschlicher Kraft auf die Brücke zurück. Er hielt sie fest, sein Körper kalt und nass, aber solide.
„Siehst du?“, rief Elias dem Wächter zu. „Wir fallen nicht.“
Er machte einen weiteren Schritt. Dann noch einen.
Er ging auf Phobos zu.
Das Amulett wurde heißer. Der Riss pulsierte. Elias spürte, wie die Barriere zwischen ihm und der Festung dünner wurde. Er war jetzt so nah, dass er die Runen auf dem Tor hinter dem Wächter lesen konnte.
Eintritt nur für das Ende.
„Ich bin das Ende“, sagte Elias leise.
Der Wächter senkte den Hammer. Er blockierte den Weg nun vollständig. Er griff nicht an. Er wurde zur Mauer.
„Dann beweise es“, sagte Phobos. „Tritt vor, Träger. Aber wisse: Wer diesen Schatten berührt, verliert sein Licht.“
Elias blieb stehen, zehn Meter vor dem Wächter. Er spürte die Kälte, die von Phobos ausging. Es war die Kälte des absoluten Nullpunkts.
Er wusste, dass er diesen Gegner nicht mit Feuer besiegen konnte. Feuer brauchte Luft, und Phobos war das Vakuum.
Er blickte zurück zu seinen Freunden. Sie standen wieder. Zitternd, gebrochen, aber sie standen. Sie hatten den psychischen Schlag überlebt.
„Wir müssen durch ihn durch“, sagte Elias zu ihnen. „Nicht außen herum. Durch ihn durch.“
„Wie?“, fragte Clara, die ihr Schwert wieder fester gepackt hatte. „Er ist massiv.“
„Er ist Angst“, sagte Elias. „Angst hat keine Masse. Sie hat nur Schatten.“
Er drehte sich wieder nach vorne. Er hob den Handschuh.
„Bereit machen“, sagte er. „Wenn ich den Weg öffne... rennt ihr. Egal was passiert. Ihr rennt zum Tor.“
Er machte den letzten Schritt in die Reichweite des Wächters.
Die Konfrontation war unvermeidlich.
Der erste Schlag kam nicht von Elias. Er kam von Phobos.
Der Wächter hob seinen massiven Hammer, der aus demselben lichtschluckenden Material bestand wie seine Rüstung, und ließ ihn nicht auf den Gegner, sondern auf das Eis der Brücke niedersausen.
KRACH.
Die Schockwelle war sichtbar. Eine violette Welle aus reiner kinetischer Energie raste über den schmalen Grat auf die Gruppe zu. Das Eis unter ihren Füßen splitterte, Risse schossen wie Blitze auf sie zu.
„Schild!“, brüllte Tarek. Er warf sich vor Clara, riss seinen eigenen Schild hoch, obwohl er wusste, dass Stahl gegen diese Wucht nutzlos war.
Elias reagierte schneller. Er riss den Schwarzen Handschuh nach vorne. Er rief nicht das Licht. Er rief die Festigkeit. Er leitete Energie in das Eis unter ihnen, versuchte, die Struktur zusammenzuhalten, bevor sie zerbröselte.
Die Welle traf sie.
Elias wurde nach hinten geschleudert, rutschte über das glatte Eis, bis er gegen Marcus prallte. Tarek und Clara wurden von den Beinen gerissen. Nur Kael stand fest. Das Wasserwesen hatte seine Füße mit dem Eis verschmolzen, er war ein Teil der Brücke geworden.
„Er lässt uns nicht durch“, keuchte Marcus, der sich aufrappelte und seine Tasche umklammerte. „Das ist eine physikalische Unmöglichkeit. Seine Masse... er blockiert den Vektor vollständig.“
„Dann ändern wir den Vektor“, zischte Zara.
Die Diebin war die Erste, die angriff. Sie nutzte das Chaos, die Staubwolke, die der Schlag aufgewirbelt hatte. Sie rannte nicht geradeaus. Sie rannte an der Seite der Brücke entlang, balancierte auf dem äußersten Rand des Abgrunds, wo das Eis kaum handbreit war.
Sie war schnell. Ein Schatten im Schatten. Sie sprang.
Sie zielte auf die Fuge zwischen Helm und Schulterplatte des Wächters. Ihre Dolche blitzten auf.
Kling.
Es war das Geräusch von Metall auf Stein. Die Klingen prallten ab. Sie hinterließen nicht einmal einen Kratzer auf der schwarzen Rüstung.
Phobos drehte den Kopf. Langsam. Fast gelangweilt. Er hob die Hand und wischte Zara aus der Luft, wie man eine lästige Fliege verscheucht.
Zara schrie auf, als die gepanzerte Faust sie traf. Sie flog in einem hohen Bogen zurück, landete hart auf dem Eis, rutschte gefährlich nah an den Rand.
„Zara!“, schrie Marcus und wollte zu ihr, aber eine weitere Erschütterung zwang ihn in die Knie.
Elias stand auf. Der Zorn flammte in ihm auf. Nicht der kalte Zorn der Wüste, sondern heißer, beschützender Zorn.
„Genug“, sagte er.
Er griff an seine Brust. Das Amulett glühte. Er rief das Auge der Sonne.
Ein Strahl aus blendendem, weißem Licht schoss aus seiner Hand. Er traf Phobos mitten auf die Brust.
Es hätte ihn durchbohren müssen. Es hätte ihn verbrennen müssen, so wie es Erebus verbrannt hatte.
Aber Phobos war nicht Erebus. Er war kein Diener. Er war ein Aspekt.
Der Wächter absorbierte das Licht. Seine Rüstung trank es. Das Violett in seinen Augen wurde heller, intensiver. Er wuchs.
„Dein Licht ist Nahrung“, grollte die Stimme. „Ich bin der Schatten, den das Licht wirft. Je heller du brennst, desto größer werde ich.“
Er machte einen Schritt vorwärts. Die Brücke ächzte.
Elias ließ den Arm sinken. Er starrte den Riesen an. Er hatte seine stärkste Waffe eingesetzt, und er hatte den Feind nur stärker gemacht.
„Feuer funktioniert nicht“, flüsterte er.
„Und Stahl auch nicht“, sagte Clara, die neben ihm auftauchte. Sie blutete an der Stirn, aber ihr Schwert war erhoben. „Was bleibt?“
„Nichts“, sagte Tarek, der sich mühsam aufgerappelt hatte. „Nur wir.“
Sie standen zusammen, eine winzige Linie gegen den Berg. Sie waren besiegt. Sie wussten es. Aber sie wichen nicht zurück.
Phobos hob den Hammer erneut. Diesmal zielte er nicht auf den Boden. Er zielte auf sie.
„Das war's“, dachte Elias. Er schloss die Augen nicht. Er wollte es sehen.
Aber der Schlag kam nicht.
Etwas veränderte sich in der Luft. Die Kälte wurde... nass.
„Warte“, sagte eine Stimme.
Kael trat vor. Er ging an Elias vorbei. Er ging an Clara vorbei.
Er bestand nur noch aus Wasser und Willen. Seine Form flackerte.
„Er hat recht“, sagte Kael. „Feuer füttert ihn. Stahl bricht an ihm.“
Er blickte über die Schulter zu Elias.
„Aber Wasser... Wasser gibt nicht nach. Wasser findet einen Weg.“
Elias sah in Kaels Augen. Und er verstand. Er sah den Abschied.
„Kael, nein“, sagte er.
„Es ist der einzige Weg“, sagte Kael. Er wandte sich wieder dem Wächter zu.
„Du bist der Fels“, rief Kael dem Riesen zu. „Aber ich bin die Flut.“
Der Wächter hielt inne. Er spürte die Bedrohung. Nicht von dem Jungen mit dem Amulett. Von dem Elementar vor ihm.
„Du bist schwach“, grollte Phobos. „Du bist nur ein Tropfen.“
„Ein Tropfen reicht“, sagte Kael. „Wenn er an der richtigen Stelle fällt.“
Er hob die Hände.
Tief unter der Brücke, im nebligen Abgrund, begann es zu grollen. Ein Geräusch, als würde der Ozean selbst erwachen.
Kael hob die Hände. Das Grollen aus der Tiefe des Abgrunds wurde lauter, das Eis der Brücke vibrierte unter der aufsteigenden Macht des Wassers. Er war bereit, die Flut zu rufen.
Aber Phobos ließ es nicht zu.
Der Wächter bewegte sich nicht mit der Trägheit eines Riesen, sondern mit der Geschwindigkeit eines Gedankens. Er schlug nicht zu. Er stampfte nur einmal mit dem Fuß auf.
WUMM.
Keine Schockwelle aus Kraft. Eine Schockwelle aus Stille.
Das Grollen in der Tiefe wurde abgeschnitten, als hätte jemand dem Berg die Kehle zugedrückt. Der Nebel, der sich unter der Brücke gesammelt hatte, erstarrte. Die Verbindung, die Kael zum Wasser gesucht hatte, riss augenblicklich ab.
Kael keuchte auf. Er brach zusammen, fiel auf die Knie, als wäre ihm jede Sehne im Körper durchschnitten worden. Das blaue Leuchten in seinen Augen erlosch flackernd.
„Nein“, flüsterte er. „Er... er hat das Echo geschluckt.“
Phobos stand über ihnen, riesig, unbewegt, eine Wand aus absoluter Negation.
„Du rufst das Wasser?“, fragte die Stimme, die direkt in ihren Köpfen hallte. Sie klang amüsiert. „Hier oben gehorcht das Wasser nur einem Gesetz: Es gefriert. Dein Ozean ist tot, kleiner Magier. Genau wie deine Hoffnung.“
Elias stürzte zu Kael, packte ihn am Arm und zerrte ihn zurück in die Reihe der anderen.
„Zurück!“, befahl er.
Sie wichen zurück. Schritt für Schritt. Weg von dem Wächter, der den Weg versperrte. Sie hatten nicht verloren – der Kampf hatte noch gar nicht richtig begonnen. Sie waren einfach nur... gestoppt.
Phobos griff nicht an. Er verfolgte sie nicht. Er blieb stehen, genau vor dem riesigen Torbogen von Nox Aeterna, und senkte seinen Hammer. Der Kopf der Waffe ruhte auf dem Eis, eine unüberwindbare Barriere.
Die Gruppe drängte sich am Anfang der Brücke zusammen, dort wo der Fels des Plateaus in das Eis des Grats überging. Sie waren außer Reichweite, aber sie waren gefangen.
Vor ihnen: Der Wächter und die Festung, die greifbar nah war, pulsierend im violetten Licht, aber unerreichbar wie ein Stern. Hinter ihnen: Der lange, leere Weg zurück durch die Hallen der Erinnerung. Unter ihnen: Der Abgrund.
„Wir kommen nicht durch“, sagte Clara. Ihre Stimme war leise, tonlos. Sie steckte ihr Schwert nicht weg, aber sie ließ den Arm sinken. „Er ist zu stark. Er blockiert sogar die Elemente.“
„Er blockiert den Willen“, korrigierte Marcus. Er kauerte am Boden, zitternd, und starrte auf den Wächter. „Das ist keine physische Barriere. Das ist eine psychokinetische Wand. Solange wir Angst haben... ist er unbesiegbar.“
„Und wer von uns hat keine Angst?“, fragte Tarek bitter. Er lehnte sich schwer an einen Felsbrocken, das Gesicht schweißnass vor Schmerz.
Elias blickte zur Festung. Er sah die schwarze Nadel, die in den Himmel stach. Er sah das Ziel. Es war in Sicht. So nah, dass er die Runen auf dem Mauerwerk erkennen konnte.
Aber zwischen ihm und dem Ziel stand die Angst.
„Wir können hier nicht bleiben“, sagte Elias. „Die Kälte... sie wird uns töten, wenn wir uns nicht bewegen.“
„Dann greifen wir nochmal an“, sagte Zara, aber ihre Hand am Dolch war locker, kraftlos.
„Nein“, sagte Elias. „Nicht jetzt. Wir sind zu schwach. Wir brauchen einen Plan.“
Er setzte sich in den Schnee. Er zog die Beine an, legte die Arme auf die Knie. Das Amulett auf seiner Brust war dunkel, der Riss nur eine feine, schwarze Linie.
„Wir warten“, sagte er.
„Worauf?“, fragte Lyra, die Kael im Arm hielt.
„Darauf, dass er einen Fehler macht“, sagte Elias.
Er starrte Phobos an. Der Wächter starrte zurück. Das violette Auge in seinem Helm blinzelte nicht.
Die Festung lag vor ihnen, ein schwarzer Monolith des Schweigens. Sie hatten das Plateau erreicht. Sie hatten den Weg gefunden. Aber die Tür war zu.
Und der Schlüssel in Elias' Brust fühlte sich plötzlich sehr, sehr schwer an.
Die Nacht senkte sich über den Gipfel. Und mit der Dunkelheit kam die Gewissheit, dass der morgige Tag nicht die Rettung bringen würde, sondern die Entscheidung.